Jubiläum


Wie in jedem Jahr haben wir in Werbelow gefeiert. Werbelow ist nämlich die einzige unserer Kirchen, die nach der Reformation errichtet wurde. 1536 zog die Reformation in Pommern ein, 1580 hat man das Kirchlein in Werbelow errichtet, einen einfachen Saalbau. Der Turm ist mittlerweile wegen Baufälligkeit schon wieder abgerissen worden, das Kirchlein ist notdürftig eingedeckt worden, damit es wenigstens nicht hineinregnet.

Wir feiern 500 Jahre Reformation. Aus fast allen Dörfern der großen Kirchgemeinde ist man angereist. Kirchenälteste natürlich, aber auch andere. Bei uns herrschen urchristliche Verhältnisse in den Dörfern: „Ich und mein Haus“ gehören zur Gemeinde – also familienweise geht das. Unsere Gemeinde ist im Grunde eine Familien-Gemeinde.
Es ist kalt im Kirchlein. Die Kirchenälteste hat aus dem Nachbardorf Sitzkissen gebracht, Gesangbücher auch, denn dieses Kirchlein wird nur einmal im Jahr genutzt – zum Reformationstag nämlich. Der Raum ist nun auch ausgefegt – man kann ihn jetzt nutzen.

Wir feiern 500 Jahre Reformation.
Ein Jahr lang haben wir uns in einem Kreis von etwa 20 Personen über insgesamt 11 Abende mit dem Phänomen „Reformation“ beschäftigt. Haben vor allem Texte gelesen, Quellen studiert. Nun geht dieses besondere Jahr zu Ende mit dem „Festgottesdienst in Werbelow“.
Der Kantor, der eigentlich zugesagt hatte, ist nicht erschienen.
Also singen wir – wie es bei uns gute Sitte ist – a capella, also „ohne Kapelle“.
Es gibt ohnehin kein schöneres Instrument als die menschliche Stimme.

Zwei Aspekte will ich heute sagen zu denen, die da sitzen und mir alle vertraut sind:
1. Die Reformatoren hatten eine große Tradition und eine mächtige Institution gegen sich.
Unser Gegner heute ist die Gleichgültigkeit. Wir leben hier im Nordosten Deutschlands in der entkirchlichtsten Region Europas. Wir haben nicht zu kämpfen, wir haben zu bekennen.
2. Ihr paar Leute, die ihr da sitzt – euch ist zugesagt: „ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde“. Wenn, ja wenn ihr nicht wieder herausfallt aus jenem reformatorischen „sola fide“.
Das ist der eigentliche Vorwurf der Reformatoren an die Kirche ihrer Zeit gewesen:
„Ihr habt eure Erste Liebe vergessen!“ (Bonhoeffer 1933).
Unsere Aufgabe hier in dieser Region, die immer noch von so hoher Arbeitslosigkeit geprägt ist, die oftmals schon in der dritten Generation nichts mehr weiß von Religion, von Spiritualität, von praktizierter Frömmigkeit – unsere Aufgabe ist weniger „confessio“ (ich bekenne), sondern eher das ursprünglichere „CREDO„. Ich vertraue dennoch.
Anders als meine Umgebung, denen vieles gleichgültig geworden ist. Der ist egal, was mit der Welt wird, die „geht ohnehin den Bach hinunter“. „Da können wir nichts mehr machen“. Also: lasst uns wenigstens noch ordentlich feiern. Lasst uns noch eine Kreuzfahrt machen, noch einen schönen Urlaub, lasst uns das Leben noch so angenehm wie möglich gestalten – nach uns die Sintflut.
„Lasst und essen und trinken – denn morgen sind wir tot!“ „Es ist doch alles egal. Und mir ist egal, ob und was du glaubst“.
Dagegen setzen wir Protestanten CREDO – ich vertraue dennoch.
Das ist das Erbe der Reformation!
Ich vertraue dennoch, dass der Ursprung allen Lebens noch etwas mit uns vorhat. Dass mein Leben einen Sinn und ein Ziel hat. Dass uns diese Erde anvertraut ist, damit wir sie erhalten.

Sitzplätze für Prominenz hatten wir nicht reserviert in unserem Kirchlein.
Ich sah später im Fernsehen bei der Übertragung aus Wittenberg, dass man dort Plätze „für geladene Gäste“ reserviert und das Volk aussen vor gelassen hatte.
Mich hat das sehr seltsam berührt.

Wir hatten einen einfachen beinahe kargen, nüchternen und doch wesentlichen Gottesdienst, den wir da im nachreformatorischen Werbelow in unserem kalten Kirchlein gefeiert haben. Es war eine gute Gemeinschaft unter uns.
Ein würdiges Gedenken an diejenigen, die vor 500 Jahren den Mut hatten, zurückzukehren an die Wurzeln unseres Glaubens. Re – Formation. Kehrt zurück zu euren Wurzeln.
Genau das haben wir heute getan.
Mir hat sich dieses besondere Jubiläum gerade wegen seiner kargen Schönheit sehr eingeprägt. Ich werde es erinnern bis ans Ende meiner Tage.

 

Advertisements

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
Dieser Beitrag wurde unter über uns, Tagesnotizen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s