Alten Worten nachdenken: Demut


Alte Worte sind klüger als wir, denn sie sammeln in sich mehr Erfahrung, als wir in unserem kurzen Leben ansammeln können. Deshalb lohnt es, ihnen nachzudenken.
Wenn ich „Demut“ höre, fällt mir zunächst „Demütigung“ ein. Im Sinne von Erniedrigung.
Aber genau das ist nicht gemeint.
Ich spüre diesem alten Wort also weiter nach, lese und lerne:
Demut gilt als Tugend.
Und zwar als eine Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der Vollkommenheit hervorgehen kann. Demut ist die freie Einsicht in meine Unvollkommenheit, in meine Fehlerhaftigkeit, in meine Begrenztheit – in mein menschliches Maß.
Deshalb gilt Demut als Gegenteil von Hochmut.
Unsere Vorfahren unterschieden zwischen „falscher“ Demut und „wahrer“ Demut.
„Falsche Demut“ ist ein Verhalten, das nur demütig erscheint und oft mit eigentlichem Stolz daherkommt.
Falsche Demut ist auch „sklavischer Sinn„.

Wahre Demut dagegen ist die freie Einsicht, dass ich als Mensch begrenzt bin, dass ich für mich Unerreichbares akzeptiere, dass ich mein menschliches Maß akzeptiere, schlicht, dass ich mein Menschsein annehme.
So lerne ich bei den Vorfahren.

Demut also als Ausdruck von Freiheit, nicht als Ausdruck von Unterdrückung und sklavischem Geist.
Das ist eine interessante Spur.

In diesem Sinne bittet schon die Alte Kirche um Demut:
Mir möge in meinem Leben die freie Einsicht meiner Begrenzung durch Größeres geschenkt werden. Nicht als erniedrigende, gewissermaßen erzwungene Akzeptanz von etwas, das ich ohnehin nicht ändern kann, sondern als freie Einsicht beim Nachdenken über das Wesen des Menschen.

In unserer Leistungsgesellschaft, die uns weismachen will, alles sei uns möglich, der Mensch sei außer vom Tod durch nichts begrenzt, wenn er denn nur wolle, ist eine solche Bitte mindestens ungewöhnlich, wenn nicht gar unerhört.
In unserer Leistungsgesellschaft, die uns weismachen will, dem Tüchtigen stünden alle Türen offen, ist die Bitte um Demut eine Torheit.
Die eigentliche Torheit jedoch ist der Glaube, uns sei alles möglich, wir seien „unbegrenzt“.
Menschen, die von ihrer Begrenzung nicht wissen, von ihr auch nichts wissen wollen und folglich glauben, ihnen sei alles möglich, solche Menschen sind gefährlich. Für sich selbst und für ihre Mitwelt, die Natur eingeschlossen.
Denn sie haben ihr menschliches Maß verloren. Sie glauben, sie seien wie ein Gott.

Demut als die freie Einsicht in mein menschliches Maß.
Diese Einsicht gibt mir noch weitere, größere Freiheit, diese Einsicht öffnet ein weiters Tor.
Die Freiheit, zu meiner Begrenzung zu stehen. Ich brauche mich nicht zu überfordern. Ich brauche mich nicht zu „perfektionieren“, brauche nicht „perfekt“ zu sein, weil ich nicht perfekt sein kann.
Aus dieser freien Einsicht entsteht Fröhlichkeit und Gelassenheit. Es ist die „fröhliche Gelassenheit der Kinder Gottes“, wie Luther es mal gesagt hat.
Und es entsteht Selbst-Bewusstsein. Demut ist ein Ausdruck von Selbstbewusstsein.
Und aus Gelassenheit und Selbst-Bewusstsein entsteht Mut.

Deshalb heißt das alte Wort ja auch De-Mut.
Das alte Wort „Demut“ birgt bei genauerem Hinsehen in sich eine ganze Kette von Einsichten.
Dieses alte Wort ist wie eine Leiter, die mich weiter bringt.
Aus der freien Einsicht meiner Begrenzung und Unvollkommenheit entsteht eine fröhliche Gelassenheit, die mich hin und wieder auch mutig sein lässt, Grenzen, die mir andere, ebenso unvollkommene Menschen wie ich, setzen wollen, zu überschreiten.

Nach Erich Fromm (Die Kunst des Liebens) ist Demut die der Vernunft und Objektivität entsprechende emotionale Haltung als Voraussetzung der Überwindung des eigenen Narzissmus. Demut also als Voraussetzung, mich dem anderen Menschen zuzuwenden.

Die Alte Kirche sagt: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ („Gnade“ meint ein „reiches Leben“, nicht zu verwechseln mit materiellem Reichtum).
Ich verstehe das alte Wort „Demut“ jetzt besser. Es ist ein weises Wort.

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Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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