Der Lehrmeister


Die berühmteste Schule der Antike war ein Garten. Epikur hatte ihn angelegt. In dieser Schule wurden Diplomaten und andere „Führungskräfte“ ausgebildet. Die Schule bestand über 800 Jahre. Da war keine Technik, kein Firlefanz, keine Fördermittel, keine Staatsknete. Da war ein Garten. Genauer: ein Küchengarten, in dem Petersilie wuchs und Zwiebeln wohl auch.
Gärten können zu Lehrmeistern werden. Man lernt Wesentliches:
Geduld zum Beispiel. Wenn man an einer Blume zieht, wächst sie doch nicht schneller……
Toleranz kann man lernen. Und Kooperationsbereitschaft. Vertrauen kann man lernen und Risikofreude.

Auf frisch gepflügtem Feld wurde der Garten 2012 mit Sägespänen angezeichnet

Auf frisch gepflügtem Feld wurde der Garten 2012 mit Sägespänen angezeichnet

All das hat sich bestätigt, seit wir im Frühjahr 2012 den Internet-Garten angelegt haben.
Wir hatten nichts, außer der Idee, einen Garten anzulegen, an dem sich viele beteiligen können. Da war kein Geld, da waren keine Ressourcen, da war gar nichts. Nur eine Idee und ein Gedicht. „Nur eine Rose als Stütze“.
Wir brauchten Risikobereitschaft, Mut, Gelassenheit, Geduld, Ausdauer, Kooperationsbereitschaft, Vertrauen.
Das war das eigentliche Kapital.
Und das trägt nun Zinsen. Mehr, als zu hoffen oder gar zu erwarten war.

2016. An der Pergola

2016. An der Pergola

So sieht der Garten im Jahre 2016 aus.
Wir haben Hilfsbereitschaft erfahren. Menschen fanden sich und beteiligten sich. Rosenstiftungen kamen, Handwerker packten zu, Ehrenamtliche organisierten sich und kümmern sich um Pflanzung und Pflege. Viele Stifterinnen und Stifter beteiligten sich mit einer Rose.
Und dann kam das Fernsehen, der Rundfunk, die Zeitungen – und die Besucher.
Über 5.000 waren schon hier, wir gehen nun auf die 6.000 zu, das sind etwa 25 Busse voller Menschen pro Jahr. Sie kommen einzeln oder in kleinen Gruppen und das ist auch gut so, denn wir wollen keinen Massentourismus. Man kann mittlerweile einfaches Quartier finden im Pilgerhaus am Rosengarten; man kann sich weiterbilden in der kleinen Bibliothek, die auch entstanden ist. Man kann versorgt werden im „Rosencafé“ an den Tagen des Offenen Gartens oder in der Nachbarschaft. Da ist viel geworden, an das wir nie im Traum auch nur gedacht hätten.
Der Garten hat uns in der Gemeindeleitung zu einem Leitbild veranlasst. Da haben wir aufgeschrieben, woran wir uns orientieren in unserer Arbeit:

Unser Leitbild
ist nicht der Dom
sondern das Zelt

ist nicht die Sicherheit,
sondern die Wanderschaft

ist nicht die Festung,
sondern der Garten

ist nicht das Dogma,
sondern das Lied

sind nicht behauptete Wahrheiten,
sondern ist die Begegnung

ist nicht der eingemauerte Gott,
sondern der Gott,von dem wir alles, auch Überraschendes erwarten dürfen,

der uns entgegenkommt wie ein Liebender

Hetzels Dorp hat heute etwa 90 Einwohner. Und ist doch bekannt geworden in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz und weit darüber hinaus. Weil da dieser Garten ist, der mit Hilfe von einem Laptop entstanden ist.
Was er uns lehrt?
Fang an und vertraue! Alles andre soll dich nicht bekümmern.
Hör auf, dich abzusichern.
Bitte um Unterstützung.
Mach nicht alles allein.
Mit den Worten unserer Vorfahren: „Lass Dir an meiner Gnade genügen“. Und du wirst die Erfahrung machen: sie trägt.
Deshalb ist der Garten weitaus mehr als eine Rosensammlung.
Er ist uns ein Lehrmeister geworden. Ein strenger, gewiss. Denn nicht selten hat er uns den Schweiß ins Gesicht getrieben. Die Lektionen waren nicht einfach. Aber gut.
Ich kenne keinen besseren Lehrmeister. Gerade in einer Zeit, die nicht vom Vertrauen, sondern vom Mißtrauen geprägt ist. Gerade in einer Zeit, die sich gegen alles und vor allem absichern will, die Grenzzäune errichtet und Fremdes abwehren will. Er ist nicht nur ein Protest gegen den Zeitgeist, sondern er lehrt uns, dass es auch anders geht, als man uns weismachen will. Es gibt Alternativen, andere Wege.
Manchmal ist der Pfad schmal und steil, gewiss.
Aber, wenn man ihn geht, hat man die schönere Aussicht.
Man verlässt die Enge des nur Eigenen und der Horizont wird weit.

 

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Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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