Gebrüder Grimm in Milow. Und Siegfried Lenz. Uckerland-Geschichten 2


Frau Ruske, Milow, Uckerland

Frau Ruske, Milow, Uckerland

Sie wird demnächst 85.
Sie trägt schwarze Jeans und einen Pullover. So sitzt sie neben mir auf ihrer Couch, vorn auf der Kante, da, wo sie immer sitzt.
Und ihr frisch gebackener Hefekuchen ist einfach eine Wucht. Dazu frischer Kaffee.
Ich bin gekommen, um eine Lebensgeschichte zu hören. Und zu dokumentieren.
Wieder liegt mein kleines Diktiergerät neben der Tasse Kaffee auf dem Couchtisch.
Die Spur führt zu den Gebrüdern Grimm und zu Siegfried Lenz und seinem „Heimatmuseum“.
Ich werde lernen, was „Bärenfang“ ist und dass es auch in Wilsickow eine Kommandantur gab. Aber das war dann schon nach dem Krieg und nach der Flucht und nach den Luftangriffen der Tiefflieger auf die Flüchtlingskinder.
„Ich wußte ja nicht, was Sie interessiert“ sagt sie.
„Einfach alles“ sage ich. „Mich interessiert alles. Ich möchte Ihre Lebensgeschichte kennen lernen und ich möchte sie dokumentieren. Eine erzählte Bibliothek soll so entstehen nach und nach, Interview um Interview. Damit man später weiß, was das für Menschen waren, die in der Uckermark gelebt haben.“
Sie wirkt etwas scheu mit ihrer zarten Stimme. Sie denkt einen Moment nach, bevor sie antwortet. Aber die Geschichten liegen bereit.
Da ist zum Beispiel die Geschichte von dem 14-jährigen Mädchen, das sie einmal war.
„Und dann hörte ich ja schon das Brummen der Tiefflieger“ erzählt sie. „Ich und noch ein anderes Mädchen, wir gingen da ganz allein auf der Dorfstraße mit unseren Milchkannen auf dem Weg nach Hause. Und ich hörte ja schon das Brummen der Flieger. Da bin ich losgerannt und grade noch ins Haus und die Türe zu. Aber das Mädchen hinter mir, das haben sie erschossen.“
Oder da ist das Bild, das sich ihr eingebrannt hat. Dieses Bild von den neunzehn toten Russen, die da lagen und der eine davon auf dem Rücken, den hatte man zugedeckt mit einer Blechwanne……
Eingebrannte Bilder. Tief haben sie sich in die Kinderseele eingebrannt. Noch mit 85 Jahren kann die Frau, die damals jenes 14-jährige Mädchen war, jedes Detail erzählen.
Sie ist in Lyck geboren. Früher hieß die Gegend Ostpreußen.
Und als wir auf Siegfried Lenz zu sprechen kommen, da gibt es ihr einen regelrechten Ruck und sie strahlt: „Na klar kenne ich sein „Heimatmuseum“, das sind doch alles die Dörfer rund um Lyck, das ist doch meine Heimat!“ sagt sie. Da sitzt er also, der Siegfried Lenz und hört uns zu. Und den Geschichten aus der „Kalten Heimat“, wie man früher sagte. Ich habe ihn verständnisvoll nicken sehen, als die Sprache auf den „Bärenfänger“ kam.
Der wird nämlich aus Primasprit und Honig gemacht. Und der „zieht ganz schön rein“, wie man aus kundigem Munde erfahren konnte. Erfunden hat ihn ein junger Mann in der Gegend, die man früher Ostpreußen nannte. Und zwar deswegen, weil demjenigen, dem es gelänge, den Bären zu erlegen, die schöne Bauerstochter versprochen war. Da hat er sich eine List überlegt und den Bären mit „Bärenfänger“ trunken gemacht, so dass er ihn erlegen konnte. Was wiederum zu einer schönen Bauernhochzeit führte.
Als Frau Ruske auf die Welt kam, schrieb man das Jahr 1931. Der Vater war Schmied, die Mutter zu Hause. Von der Hand der Großmutter erzählt sie, an der sie zum Kindergottesdienst ging. Der war „nach der Kirche“. „Wir hatten ja keine Kirche bei uns im Dorf, also gingen wir zwei Kilometer zur Kirche. Meine Großmutter hat mich immer einfach mitgenommen. So habe ich die Wege kennengelernt und die Lieder.“
Und dann stellt sich doch tatsächlich heraus, dass es Verwandte in der weitläufigen Familie gibt, deren Spur bis zu den Gebrüdern Grimm führt.
Da sitzt nun also nicht nur der Siegfried Lenz mit am Kaffeetisch, sondern auch noch die Gebrüder Grimm. Und die spitzen die Ohren. Denn, was man sich erzählt, das interessiert sie.
Nicht weit von Lyck liegt der kleine Ort Romanowen.
„Na, das klingt aber sehr nach den russischen Zaren!“ rufe ich dazwischen und Frau Ruske nickt verständnisvoll. Diese Spur ist durchaus richtig. Da, so sagt man, liegt der Ursprung der Familie Romanow. Sieh an, sieh an, was sich da alles an unserem Kaffeetisch in Milow versammelt. Nun sitzt da also auch noch der russische Zar. Aber den lassen wir jetzt einfach mal sitzen und hören weiter zu.
Denn Frau Ruske erzählt bei diesem unserem ersten Treffen vor allem und zunächst von der Flucht. Sie war 14 damals. Die Bilder und Erinnerungen liegen ganz oben auf der Seele und wollen erzählt sein. Diese Flucht übers Haff.
Erst durften sie nicht weg. Gauleiter Koch hatte es streng verboten. Wer floh, sei ein Vaterlandsverräter. Aber, als die Russen immer näher kamen, da kam der Bürgermeister von Haus zu Haus gegangen und sagte den Leuten: „Ihr müsst los jetzt!“
Da haben sie den Leiterwagen angespannt und dahinter den Lastenschlitten. Denn im Winter transportiert man in Masuren die Lasten mit Schlitten. Man kennt sich aus mit dem Winter.
Sechs Wochen ging das. Vom 27. Januar bis zum 17. März 1945. Da war man dann in Teterow.
Später ging die Flucht weiter.
Bis Hamburg.
Das Kind hat Bombenangriffe auf die Stadt gesehen. Und dann immer wieder diese Tiefflieger. „Die schossen einfach auf alles, was sich bewegte.“ Mit 11 Leuten waren sie unterwegs. Drei Kinder dabei, sie war die Älteste. Der jüngste Bruder war drei. Der hat keine Erinnerungen mehr.
Und dabei waren sie 1938 gerade erst in das nagelneue Haus eingezogen. Und nun sitzen sie irgendwo kurz vor Hamburg fest.
Dann, im Mai, als der Krieg zu Ende war, da wollten sie natürlich wieder nach Hause. Und kehrten um. Und kamen bis Stettin. Aber da waren schon Landsleute, die waren schon in der Heimat und berichteten: „Da ist nichts mehr. Alles geplündert.“
Der Weg zurück war abgeschnitten.
Als es dann hieß, Stettin käme zu Polen, „da sind wir Hals über Kopf wieder nach Westen geflohen. Und als wir in Wilsickow ankamen, da zog von Milow her ein starkes Gewitter auf, da haben wir uns mit dem Wagen unter einem Schleppdach untergestellt, wo sonst eigentlich die Ackergeräte standen.“
Ja. Und der Bürgermeister von Milow, der hat sie aufgenommen. Man bekam eine erste bescheidene Bleibe; dann war da eine alte Schmiede die nicht versorgt war und die der Vater pachten konnte. Und dann war da noch ein Stück Land und eine Kuh. Und man fing wieder an.
Seit 1948 wohnt sie nun in diesem Haus, in dem jener Kaffeetisch steht. Der mit dem Siegfried Lenz und den Gebrüdern Grimm und dem russischen Zaren.

Zwei Stunden haben wir beieinander gesessen. Die erste CD mit der Aufzeichnung dieses Gesprächs ist fertig und kommt ins Archiv. Ein Exemplar bekommt meine Gesprächspartnerin.
Aber, eins ist ganz klar. Wir sehen uns wieder. Wir haben nun eine Verabredung. Sie will mir Fotos zeigen. Und die Geschichten zu den Fotos erzählen. Eine zweite CD wird entstehen.
Aber erst nach ihrem fünfundachtzigsten Geburtstag. Der ist ja bald.

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Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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