Wie einen seine Mutter tröstet? – Bloß das nicht! Gegen den Strich gebürstet etwas zur Jahreslosung


Gegen den Strich gebürstet – etwas zur Jahreslosung

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ .
„Bloß das nicht!“ geht mir als erstes durch den Kopf.
Denn meine Mutter konnte nur schlecht trösten.
Sie war viel zu sehr beschäftigt, hatte wenig Zeit mit all den Aufgaben und war im Grunde völlig überfordert. Das Ergebnis war: für Trost blieb nicht viel.
Meine Mutter war ein Kriegskind und offensichtlich selber auch ziemlich ungetröstet.
Sie war pflichtbewußt, auch fröhlich, sie feierte gern und kümmerte sich darum, die Beziehungen zu Freunden, Nachbarn und anderen Menschen zu halten. Meist in Form von Einladungen und Briefen.
Aber mit dem Trösten war das so eine Sache.
Mir hat sich ein altes Gefühl in die Erinnerung eingeschrieben: das Gefühl, oft ungetröstet geblieben zu sein. Da war eine ziemlich große Lücke, bei Lichte betrachtet.
Oder auch: ein ziemlicher Schmerz.
Ich hab mir den lange Jahre weggemacht mit Arbeit und allerlei Tüchtigkeit, bis ich, da war ich schon über fünfzig, endlich Zugang fand zu jenen unterdrückten Gefühlen, die deshalb unterdrückt wurden, um umso stärker weiterzuleben.
Das fühlte sich einsam an und „unerlöst“, unfrei und eng. Das fühlte sich nach Zorn an und Verbitterung.
Wenn ich versuche, mich an den Trost meiner Mutter zu erinnern, fallen mir nur wenige Situationen ein, wo ich das Gefühl des Trostes wirklich hatte.
Viele andere Situationen aber fallen mir ein, da blieb ein schaler Nachgeschmack zurück. Das fühlte sich an wie „das war’s schon?“  Da war ein großer Rest an Unerfülltem, nicht Ausgefülltem. Da blieb Sehnsucht nach Verstandenwerden.
Trost empfindet ein Mensch, wenn er sich wirklich verstanden fühlen kann.
Wenn man sich aber nicht wirklich verstanden fühlt, dann empfindet man auch keinen Trost.

Deshalb spüre ich zuerst einmal eine ziemliche innere Sperre gegen diese Jahreslosung.
„Wie eine Mutter tröstet?“
„Nee, bitte nicht. Kein Bedarf“

Später wurde ich etwas gnädiger mit ihr. Als ich anfing, mich mehr und mehr mit der Zeit, in der sie aufgewachsen ist, zu beschäftigen. Als ich über die Kriegskinder las und die große Not, die sie als Kinder erlebt haben, all die viele Angst, mit der sie umgehen mussten, den frühen Verlust des Vaters, die Flucht, die Angst vor den Russen, die im Kern Angst vor Vergewaltigung war.
Später dann ist da mehr Verständnis gewachsen. „Sie konnte ja gar nicht anders. Sie war ja völlig überfordert mit den drei Kindern und der sterbenden Schwiegermutter und dem großen Landpfarrhaus und dem ansprüchigen Ehemann und all den Aufgaben.“
Wenn ich aber ganz auf die Seite des Kindes gehe, das ich damals war, in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, kurz nach dem Krieg war es – wenn ich mich ganz auf die Seite dieses Kindes stelle und versuche nachzufühlen, was dieses Kind, das ich war, eigentlich gebraucht hätte, dann kann ich Zorn und Enttäuschung fühlen.
„Das bitte nicht nochmal“ fährt mir deshalb zunächst durch den Sinn, wenn ich die Jahreslosung lese.

Machen wir einen Zeitsprung. Gehen wir etwa fünfzig Jahre weiter.
Da ist dieser Mensch, der ein Kind war, das viel vermisst hat, ein erwachsener Mensch geworden und steht an einer Art Krankenliege in der Schweiz, um Körpertherapie zu lernen. Immer zwei Menschen bilden ein Team und üben. Sie üben am anderen Menschen und an sich selbst.
Ich habe in jenen Tagen Männer gesehen, die endlich weinen konnten.
Und zwar deshalb, weil sie eine einfache Berührung des Trainingspartners endlich aushielten.

Diese Männer waren Kampf gewohnt und Auseinandersetzung. Sie konnten sich durchsetzen und waren tüchtig. Da waren „Kerle wie ein Baum“ darunter.
Aber eine einfache Berührung – das war zu viel. Das hielten sie nicht aus. Das wehrten sie ab.
Weil da eine Angst war.
Eine Angst vor dem großen Gefühl hinter der Angst.
Da lag eine große Trauer, vor der sie sich fürchteten.
Aber dann, mitten in der Ausbildung, als Tag für Tag Vertrauen gewachsen war in den Zweier-Teams, dann, eines Tages, konnten sie dann doch – nicht allen ist dieser große Schritt gelungen! – endlich eine einfache Berührung aushalten.
Denn sie waren mittlerweile stark genug, dem großen Schmerz zu begegnen, der da in ihrem Körper wohnte.

Ich hab da in der Schweiz und später in Berlin Männer gesehen, die hat es regelrecht durchgeschüttelt, als sie ihrem Schmerz begegneten.
Minutenlang ging das.
Und der Partner blieb.
Er hielt eine Hand des Mannes, der da von seinem Schmerz gepackt war und er legte seine andere Hand auf den Bauchnabel dieses Mannes, auf seine Mitte, sein Zentrum, damit die frei werdende Energie frei fließen und abfließen konnte.
Ich hab auch gesehen, wie befreit diese Männer waren, als „es“ vorbei war.
Ich hab gesehen, wie ihre Augen leuchteten und wie ihr Gesicht strahlte.
Ich hab gesehen und gefühlt, dass ihre Umarmungen plötzlich ehrlich waren und persönlich. Ich hab gemerkt, dass wir uns „danach“ wirklich meinten, wenn wir uns umarmten.

Was ich mit dieser Erfahrung weitererzählen will?
Nun:
Ich will sagen: es ist für viele Menschen überhaupt nicht einfach und schon gar nicht leicht, sich trösten zu lassen.
Denn: wer sich wirklich trösten lässt, der stellt sich seinem eigenen Schmerz.
Ich kann deshalb Kinder gut verstehen, die sich partout nicht trösten lassen wollen. Solche Kinder gibt es. Und solche Erwachsenen gibt es.
Erwachsene, die sich nicht mehr trösten lassen können, werden nicht selten verbitterte Menschen. Denn der Schmerz, der da in ihnen wohnt, der kann nicht abfließen.
Schmerz aber ist wasserlöslich. Das ist die gute Nachricht.
Wenn der Punkt erreicht ist, an dem Tränen fließen, dann kann sich Schmerz auflösen.
Dann geschieht Trost.
Deshalb ist Trost nicht zuerst eine Sache von Worten, sondern von wirklicher Berührung.
Trost ist eine handgreifliche Angelegenheit.
Wenn man Trost nicht spüren kann, dann bleibt er auf der Strecke zwischen zwei Menschen irgendwo stecken.

Die Erfahrung in der Ausbildung zum Körpertherapeuten gehört zum Wertvollsten in meinem Leben, das kann ich heute sagen.
Denn sie birgt die Erfahrung, dass körperliche Berührung uralte Schmerzen, uralte Sehnsüchte, uralte Trauer auflösen kann.

Ich höre deshalb die Jahreslosung aufgrund meiner Lebensgeschichte etwas anders, als sie da geschrieben steht.
Ich höre hinter die Zeilen, höre sie mit meinen Lebenserfahrungen und kann sagen:
„Ja, das kann ich glauben. Der Gott, der das Leben selbst ist, der sagt zu mir:
Ich will dich halten, wie dich dein Trainingspartner gehalten hast, als du deinem Schmerz begegnet bist.
Denn dieser Schmerz ist mir nicht fremd.
Ich habe ihn selbst erlebt und getragen.
Deshalb erinnere dich immer wieder an diese meine Zusage:
So, wie ich deine Eltern gehalten habe in ihrer großen Not, auch wenn sie es nicht spüren konnten,
so will ich dich auch halten, wenn du dich deinem Schmerz näherst.
Du kannst dich drauf verlassen, ich werde dann ganz da sein.
Und du wirst immer wieder die Erfahrung machen können, die du ja kennst, wenn du den Schmerz betreten hast:
Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.  Siehe, ich mache alles neu!
Und er spricht zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß!…

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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