Vom Sinn des Scheiterns


Paulus ist mir neu sympathisch geworden, seit ich seinen berühmten Satz: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr die Botschaft vom Himmelreich niemals kapieren“ neu gelesen habe. Da war ich ungefähr 50. Paulus auch, als er es schrieb.
Heute lese ich: „Die Botschaft vom Kreuz ist eine Torheit“ (1. Brief an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 1 ab Vers 18).
Da kann ich zustimmen: in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren, in der „likes“ zählen und „follower“, in der „Erfolg“ gemessen wird (meistens in Euro) – in einer solchen Gesellschaft ist die Rede vom Sinn des Scheiterns eine Torheit. Das will keiner hören.
Weshalb also sollte ich mich damit beschäftigen?
Weil mir Paulus nahe ist, seit ich mich genauer mit ihm beschäftige. Dieser Zeltmacher regt mich auf und er regt mich an. Und ist mir immer voraus, weil er tiefer nachgedacht hat.
Deshalb.
Was also schreibt er? „Das Wort vom Kreuz“, also die Botschaft, dass im Scheitern ein tieferer Sinn verborgen liegt, ist eine Torheit für die meisten Menschen.
Da stimme ich sofort zu.
Dann fährt er aber fort: „denen, die errettet werden, ist es eine Gottes-Kraft“.
Dem muss ich nach-denken. Das geht mir nicht so einfach über die Lippen. Was soll denn das heißen: „denen, die errettet werden“?
Nun weiß ich, dass Paulus nicht einfach in „Gute“ und „Schlechte“ unterscheidet, so billig ist er nicht zu haben.
Wovon also redet der Mann? Er erinnert an den Nazarener. An jenen jungen Rabbi, den man in jungen Jahren hingerichtet hat. Was soll an diesem Scheitern denn nun so groß sein, dass man sein ganzes Leben danach ausrichten könnte? Weshalb sollte man dieses Scheitern weiter sagen?
Was ich feststellen kann: diese „Botschaft vom Kreuz“, diese Botschaft vom Sinn des Scheiterns ist weiter gesagt worden. Rund um die Welt, seit etwa 2000 Jahren. Diese Botschaft ist der Kern des Christentums.
Da kann ich also nicht so einfach dran vorbei.
Also noch eine Runde um den Felsen. Suchen, wo ein Zugang sein könnte. Annäherungsversuche.
Paulus war selber ein eher schwacher Mensch. Körperlich schwach. Er war sehr viel krank. Geistig jedoch ein Riese. Oft unterschätzt, sehr oft missverstanden und doch wirksam durch die Jahrtausende. Deshalb kann und will ich nicht einfach an ihm vorbei. Sondern ich will verstehen, was er sagen will in den Worten seiner Zeit.
„Die Juden verlangen Zeichen“ schreibt er. „Und die Griechen verlangen Weisheit“. Denen aber ist das Wort vom Kreuz eine Torheit.
Dass die Gottes- Kraft in den Schwachen zur Wirkung kommt, im Scheitern sichtbar wird, das wollen die nicht hören. Sie wollen vielmehr große Erfolge, wollen Zeichen, wollen „Erkenntnis“ und „Weisheit“ – aber doch nicht sowas!
Nun wissen wir, dass unsere Leistungsgesellschaft Menschen krank macht. Alkoholkonsum und Zahl der Depressionen sprechen eine beredte Sprache. Wir wissen also, dass der enorme Leistungsdruck, der immer nur „Wachstum“ und „Erfolg“ sehen will, unmenschlich ist. Menschen zerbrechen daran. Oder sie steigen ganz bewusst aus, um ein sinnvolleres Leben zu führen.
Haben die was mit dem „Wort vom Kreuz“ zu tun?
Vielleicht.
Wer in seinem eigenen Leben mal ein Scheitern erlebt hat, also das Zerbrechen eigener Pläne – durch äußere Umstände oder durch Krankheit beispielsweise – der hört vielleicht aufmerksamer hin. Vielleicht hört auch aufmerksamer hin, wer nicht mächtig, sondern arm ist. Vielleicht stimmt es ja, dass das „Eu-Angelion“, die „gute Botschaft“ nicht etwas für die Reichen und Schönen, sondern etwas für die Armen ist? Für die Mühseligen, für die Alkoholkranken, für die Süchtigen, für die Kaputten? Nicht, um ihnen irgendeinen „billigen Trost“ zu geben, sondern Lebens-Kraft? Widerstands-Kraft? So, wie den Leuten im Slum, die sich in den Basisgemeinden Lateinamerikas gegen die übermächtige Korruption und die übermächtigen Machtmissbräuche der Mächtigen, am Evangelium orientiert, für mehr Gerechtigkeit einsetzen und dabei ihr Leben riskieren, so, wie es beispielsweise Oscar Romeiro getan hat?
Annäherungsversuche.
Jeder Arzt, jeder Seelsorger, jeder Therapeut weiß: einem Menschen kann man nur helfen, wenn er sich helfen lässt. Erst wenn er sagen kann: ich weiß nicht weiter, dann erst kann Hilfe kommen.
Im ZEN sagt man: erst wenn die Tasse leer ist, kann sie neu gefüllt werden.

Erst, wenn ich das Seil, mit dem das Boot am Ufer angebunden ist, löse, erst dann kann ich wissen, ob mich das Schifflein auf dem Wasser auch trägt. Vorher bleibt alles Spekulation.

Was nun ist diese „Botschaft vom Kreuz“?
Es ist die Botschaft: seht hin. Da, dieser junge Mann, dieser junge Rabbi, wie er da hingerichtet worden ist. Was tut der? Er spricht in seinen letzten Lebens-Minuten den Psalm, wie er von seinen Vorfahren gelernt hat: „Warum hast du mich verlassen?“ klagt er mit Psalm 22. Und er sagt: „In deine Hände, Gott, befehle ich meinen Geist“.
Das ist das Ur-Vertrauen, von dem zu reden ist, wenn wir das „Wort vom Kreuz“ heute hören.
Dieser junge Rabbi gibt alles aus der Hand. Alles ist zerbrochen. Ein Großes Scheitern.
Er sagt: „In deine Hände, Gott, befehle ich mich. Du wirst mich tragen.“
Und siehe da, aus dem kleinen verzagten Häuflein von ein paar Übriggebliebenen einer winzigen jüdischen Sekte wächst durch die Jahrtausende eine Weltreligion heran.
Was ist ihre Botschaft? „Selig sind, die mühselig und beladen sind“. „Selig sind, die Unrecht leiden.“ „Selig sind die Sanftmütigen“. „Selig sind die Schwachen, die ihr ganzes Leben Gott anvertrauen.“
Solcher Glaube ist immer wieder neu erlebt und weiter gesagt worden.
Dietrich Bonhoeffer war so einer, der aus diesem Glauben in den politischen Widerstand gegen Hitler ging und der sich bis zum Schafott von diesem Glauben tragen lies. Er ist wichtiger Lehrer und Vorbild geworden für alle, die gegen Ungerechtigkeit auf der Welt aufstehen. Zum Beispiel in Lateinamerika.
Denen, die wenig oder nichts von sich selbst, aber alles von der Gottes-Kraft erwarten, denen geht vielleicht zuerst das Licht auf. Mit hat kürzlich eine Frau erzählt, wie das war, als sie sich auf ihr Kind gefreut hatte und als es dann als behindertes Kind zur Welt kam. All die Pläne, die sie sich gemacht hatte, waren mit einem Mal über den Haufen geworfen. Sie hat lange Jahre schwer daran zu tragen gehabt. Heute sagt sie: „Wissen Sie, Herr Pastor, wissen Sie was ich dadurch gelernt habe? Ich habe lieben gelernt.“

„Seht euch dieses Scheitern an“ sagt Paulus. „Da könnt ihr es sehen. Die Gottes-Kraft ist in dem Schwächsten mächtig.“

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Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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Eine Antwort zu Vom Sinn des Scheiterns

  1. Uta v.Holtzendorff schreibt:

    vielen Dank für diese tiefen Gedanken und Annäherungen! wie war das mit den Kindern? So ist es!
    Uta

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