Quellenstudium Uckermark 1933 – 45. Zur Beurteilung der Dokumente


Wer sich mit Regionalgeschichte befasst, ist auf Primär-Quellen angewiesen.
In ländlichen Gebieten sind das z.B. die Kirchenbücher, wie man sie in Pfarrämtern finden kann. Auch findet man Etliches in den Standesämtern, auch in Finanzämtern (wenn man die sogenannten „Arisierungen“ recherchiert). Aber es sind auch Druckschriften, die öffentlich waren: Heimatkalender (meist als Broschur herausgebracht) oder Tageszeitungen. Auch sind natürlich Flugblätter interessant und andere, gedruckte Dokumente.
Für die Zeit von 1933 – 45 gilt in besonderer Weise, dass diese Primär-Quellen beurteilt werden müssen. Man muss möglichst herausfinden, in welcher Auflage sie erschienen und möglichst auch, wer sie las. Denn für diese Zeit ist in besonderer Weise leider immer noch oft zu hören, man habe einen Sachverhalt „nicht gewusst“.
Wenn sich nun aber zeigen lässt, dass massenhaft erschienene Drucksachen wie beispielsweise der „Heimatkalender Kreis Prenzlau“ in praktisch jedem Haus lagen und auch gelesen wurde (wie mir Zeitzeugen bestätigt haben), dann ist er als Quelle der Forschung eine sehr gute Quelle bei der Beantwortung der Frage, was man „gewusst“ haben konnte.
Bei Druckschriften wie dem „Heimatkalender Kreis Prenzlau“ handelt es sich in der Zeit zwischen 1933 und 1945 um ein Propagandainstrument der NSDAP.

Anzeige der Tageszeitung "Uckermärkischer Kurier" im "Heimatkalender Kreis Prenzlau 1936"

Anzeige der Tageszeitung „Uckermärkischer Kurier“ im „Heimatkalender Kreis Prenzlau 1936“

Ähnliches gilt von der Tageszeitung „Uckermärkischer Kurier“, die in einer Anzeige im „Heimatkalender Kreis Prenzlau 1936“ formuliert: „Der Uckermärkische Kurier hat die Erziehung seiner gesamten Leser zu politischen deutschen Menschen zu seinem Grundsatz gemacht“ (Foto). Diese Tageszeitung enthielt die Beilagen „Der Nationalsozialist“, „Die Deutsche Arbeitsfront“, „Deutsche Wehr, Deutscher Geist“, „Für Heimat und Haus“ und „Landwirtschaftliche Rundschau“.
Allerdings ist der Heimatkalender in den mir vorliegenden Ausgaben von 1936, 1937 und 1939 (der komplette Bestand für die bezeichneten Jahre befindet sich in der Berliner Stadtbibliothek, die drei mir vorliegenden Ausgaben konnte ich mir aus dem kleinen Heimatmuseum in Hetzdorf ausleihen) so gestaltet, dass zunächst nicht sofort auffällt, dass es sich um ein Propagandainstrument handelt. Man konnte den Heimatkalender (eine Ausgabe pro Jahr) für 1,50 RM bekommen. Spottbillig also. Weshalb er gelesen wurde in den Häusern. Offenbar war der Preis ein politischer Kaufpreis. Man wollte, dass der Kalender gelesen wird.
Er war eine Mischung aus Heimatkunde, Beiträgen eher literarischen Charakters (Gedichte, Erzählungen, Sagen, nicht selten auch in Plattdeutsch), enthielt Ratgeber, Rätsel auch „Humorvolles“ und gleichsam zeitungsähnlich aufgemachte „Berichte“. Zum Beispiel von der Einweihung des neuen Kreisparteihauses der NSDAP in Prenzlau oder von der Übergabe des „Erbhofes“ an Mackensen in Brüssow oder der Bericht „SA-marschiert“, der anlässlich des zehnten Jahrestages dieses Aufmarsches in der Ausgabe 1939 des Kalenders zu lesen ist. Auch sind Berichte über die „Schulungsheime der NSDAP“ oder Berichte über den „Reichsarbeitsdienst“ vom Charakter her eher Zeitungstexte.
Die Mischung machts.
Die Ausgabe 1936 wurde herausgegeben vom „Kreisausschuss des Kreises Prenzlau“, in dem beispielsweise der „Kreisbauernführer“ saß und war bearbeitet von „Kreisausschuss-Bürodirektor Ernst Fürstenau“ in Prenzlau. Schon auf Seite 2 (auf einer linken Seite gedruckt) findet sich ein Grußwort von Oberpräsident und

Heimatkalender Kreis Prenzlau 1936, 1937, 1939 als Quelle der Forschung

Heimatkalender Kreis Prenzlau 1936, 1937, 1939 als Quelle der Forschung

Gauleiter Wilhelm Kube (links im Bild), der gleich daneben (auf einer rechten Seite gedruckt, so dass es gleich ins Auge fällt) auch ganzseitig im Porträt zu sehen ist. In der Ausgabe von 1937 findet sich „Ministerpräsident und Generaloberst Göring“ an eben diesem augenfälligen Platz (Bildmitte). Joseph Goebbels hatte immer wieder darauf aufmerksam gemacht und auch durchgesetzt, dass man „gute Propaganda nicht bemerken dürfe“. Er hat beispielsweise Propagandafilme der SA untersagt, weil sie „zu offensichtlich“ waren. „Die Leute wollen das nicht und wenden sich ab“ hat er an die zuständigen SA-Führer geschrieben, die diese Filme produzieren ließen. (sehr aufschlussreich dazu: Felix Moeller: Der Filmminister. Goebbels und der Film im Dritten Reich. Mit einem Vorwort von Volker Schlöndorff, Henschel-Verlag.)
Man merkt dem Heimatkalender dieser Jahre aber sehr schnell an, daß er eine nicht ungeschickte Mischung, von volkstümlich eher Harmlosem und glasklarer Propaganda sind. Beispielhaft abzulesen am „Bericht“ über die Übergabe des „Erbhofes“ an Mackensen in Brüssow.
Nun macht es allerdings einige Mühe, solche Quellen aufzustöbern. Den „Heimatkalender Kreis Prenzlau“ verdanke ich eigentlich einem Zufall.
Deshalb habe ich einige Fotos und Texte aus dieser wichtigen Primär-Quelle abfotografiert und online gestellt, damit sie auch anderen, die an dieser Zeit interessiert sind, zur Verfügung stehen. Wer die Originale sehen möchte, findet sie im Heimatmuseum in Hetzdorf oder in der Berliner Stadtbibliothek.
Natürlich sind für den zeitgeschichtlich Interessierten Adressverzeichnisse besonders aufschlussreich, weil sich an ihnen Strukturen ablesen lassen. Der „Heimatkalender“ enthält solche Adressverzeichnisse, die genau angeben, wer in der NSDAP, der SA, im „Nährstand“ (Orts-, Kreisbauernführer), im Bund der „NS-Lehrer“ oder „NS-Juristen“ organisiert und ansprechbar war. Mit Adresse und oft auch Telefonnummer. Man wollte durch diese Veröffentlichung von Namen, Adressen und Telefonnummern offenbar erreichen, das man auch erreicht werden konnte.
Das nun angelegte Fotoalbum „Quellenstudium Uckermark 1933-45“ wird nach und nach ergänzt durch weitere Dokumente, damit sie auch anderen für ihre Arbeit zur Verfügung stehen.

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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