Großmutters Bibel. Eine Erinnerung aus Uckerland


Die Bibel von Wally DöringGroßmutters Bibel
(von Marlies Lehmann, Milow)
Da liegt sie nun vor mir, die alte Bibel meiner Oma. Der Einband ist verschlissen, unansehnlich beinah. Als ob sie jemand immer mal wieder durch’s Wasser gezogen hätte. Wellig der Deckel – und das Leinen hat sich bereits von der Pappe gelöst. Trotzdem war dies ihr größter Schatz, den sie ihr Leben lang gehütet hat. Nicht etwa wegen der Widmung des Grafen von Schlippenbach. Es ist ihre Traubibel. Ihr Mann August mußte 1944 noch das vorletzte Aufgebot des größten unseligen Verführers aller Zeiten verstärken und kehrte nicht wieder. Wie so viele. Er starb 1945 in russischer Gefangenschaft. Erst Jahre später erfuhr sie von seinem Tod.
Sie hat ihn eingetragen in diese Bibel. Unter „Sterbefälle“. Es finden sich auch die Sterbedaten ihrer Eltern darin.
Aber auch das ist doch eigentlich kein Grund, dieses unansehnliche dicke Ding nicht gegen ein neues – schönes – Exemplar einzutauschen. Nein! Diese Bibel war Großmutter wichtig. Denn sie hat ihre Flucht begleitet. Und sie hat sie und ihre drei Kinder stets beschützt auf dieser Flucht im Frühjahr 1945. Und auch danach. Voll tiefster Überzeugung hat sie es immer wieder erzählt:
Als die Trecks in Richtung Woldegk zogen, wurden sie von einem Bombenangriff überrascht. In einer Scheune suchten die Leute Deckung. Panisch.
Um ihre Kinder zu schützen, stülpte Oma den 3 Mädels eine große Wanne über den Kopf und warf sich auf sie.
Als das todbringende Inferno vorüber war und alles sich aus den Verstecken wagte, war die Schüssel übersät mit Splittern. Niemand war verletzt. Im heillosen Durcheinander der verstreuten Habseligkeiten suchte sie nun ausgerechnet ganz verzweifelt nach ihrer Bibel. Als ob anderes nicht wichtiger gewesen wäre…..Sie fand sie in einer Pfütze.
Bis nach Röbel kam der Treck. Dort wurden die Flüchtenden von den Russen eingeholt. Ende der „Reise“. Vieles wurde ihnen abgenommen, manches geklaut, etliches ging verloren. Die Bibel konnte sie retten.
Eine schlimme Zeit begann nun, aber Großmutter hatte Glück, sie bekam Arbeit bei den Russen und die Kinder hatten zu essen. Auch das schreckliche „Frau, komm!“ musste sie nicht durchleben.
War sie verzweifelt, fand sie Trost in ihrem Buch. Und Hoffnung. Und Kraft.
Monate später waren sie wieder dort, von wo sie aufgebrochen waren mit Pferd und Wagen und kümmerlichem Hausrat. Das einzige, was sie mit zurück brachte, war die Bibel.

Und nun liegt es also vor mir, Großmutters Buch. Eine Seite „Sterbefälle“ ist noch offen. Ich mache den letzten Eintrag:
Wally Döring, geb. Becker, 5.2.1915; gestorben am 10. 8. 2013. 98 Jahre.
Mein Blick fällt auf den Leitspruch für diese Seite:
„Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben“

Großmutters Bibel. Ein tolles Buch.

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
Dieser Beitrag wurde unter über uns, Meditationen, Uckerland-Geschichten abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s