vom Sehen der Welt. Etwas aus der Garten-Schule in Uckerland


Garten 13.7.13 003Robert Harrison, Professor an der Stanford-University (USA) hat in seinem Essay „Über die verlorene Kunst des Sehens“ (in: Robert Harrison, Gärten. Ein Versuch über das Wesen des Menschen, Hanser-Verlag, 2010, S. 279 ff) darauf hingewiesen, dass dem modernen Zeitgenossen etwas Wichtiges abhanden gekommen ist: er glaubt, nicht mehr die Zeit zu haben, die Dinge und Erscheinungen, die ihn umgeben, wirklich zu sehen. Er notiert:
Gärten brauchen „Zeit, um vom Betrachter gesehen zu werden. Parks wie Stowe und Stourhead in England empfangen jährlich viele Tausende von Besuchern, von denen ein großer Teil in Touristengruppen eintrifft, die ein paar Stunden auf dem Gelände verbringen, bevor sie zum nächsten Ort weiterziehen. Bei einem derart kurzfristigen Aufenthalt ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, gedankenreiche Gärten wie Stowe und Stourhead so zu erleben, wie sie angelegt waren, nämlich als Orte der Selbstfindung, der spirituellen Kultivierung, der persönlichen Verwandlung. Längst vergangen sind die Tage, in denen die meisten von uns die Zeit oder den Willen für etwas Derartiges hatten, vom Konzentrationsvermögen ganz zu schweigen. Infolgedessen zeigen sich diese gärten den meisten von uns nicht mehr (sie zeigen sich vielleicht ihren Pflegern, die täglich stundenlang auf dem Gelände verweilen, nicht aber dem, der ihnen nur einen flüchtigen Besuch abstattet). Sie mögen uns Bilder von sich darbieten, aber das, was den Bildern fehlt, ist das Strahlen des Phänomens als solches, das sich nur in den Tiefenzeit enthüllt, in der Art von Zeit, für die unser Zeitalter keine Zeit mehr hat. Alles in allem sind wir für das Phänomen mehr oder weniger blind.“ Bei der Lektüre dieser Zeilen kommen die etlichen Besuchergruppen in den Sinn, die unseren jungen Rosen-Garten besucht haben, um ihn zu „sehen“. Mehr als 1200 Menschen waren schon im ersten Jahr seines Bestehens da. Sie haben sich ähnlich verhalten. Schnell hinein, relativ schnell wieder hinaus. Kaffee. Weiter. Nicht selten waren sie nach zwei, drei Stunden wieder fort. Dass er nicht nur „ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit vieler Menschen“ ist – schon von seiner Entstehungsgeschichte her-, sondern auch ein Zeichen der „Verbundenheit der Kulturen“, dass sein „Platz der Stille“ und die sich allmählich abzeichnende Fülle im Wachstum eine Einladung zum genauen Sehen ist, das ist den meisten entgangen. Da helfen auch mündliche Erklärungen nicht wirklich weiter. Vermutlich werden die Menschen, die im Pilgerhaus am Rosengarten für ein paar Tage einziehen, am meisten von dem Garten „haben“. Denn das Leben in seiner direkten Nachbarschaft gibt eben auch die Zeit, ihn wirklich zu sehen und wahrzunehmen. Wir werden versuchen, auch unseren Tagesbesuchern den Garten noch mehr zu erschließen, damit sie sehen, was sie sehen. Allerdings fällt jetzt schon auf, wie sie ihn sehen: nicht selten sehr flüchtig, an nur Äußerem interessiert („Wie viele Rosenstöcke haben Sie denn jetzt schon im Garten?“). Man freut sich zwar an den Farben – gerade jetzt, während der Saison -, aber ich bin nicht sicher, dass dieser junge Garten, der schon so voller Geschichten steckt, sich wirklich jedem Besucher gezeigt hat. Vielleicht zeigt er sich auch nicht jedem. Vielleicht nur dem, der Zeit hat und wirklich sehen will, was da zu sehen ist. Der Garten wird auf diese Weise, anfangs eher zu verbergen, als sich zu zeigen, auch zu einer Garten-Schule. Man kann, wenn man sich in ihm aufhält, etwas Verlorenes wieder finden. Etwas, das vielen Menschen abhanden gekommen ist: die Kunst, zu sehen, was ist. Man kann in ihm auch lernen, dass es einen tiefen Zusammenhang zwischen Innerem und Äußerem gibt: Er lädt dazu ein, wahrzunehmen, wie es im Inneren des eigenen Gartens eigentlich und wirklich aussieht.

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Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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