Der Garten ist auch ein stiller Protest


Bernstein 30.5.2012Der Meditationsgarten in Uckerland, den wir mit Hilfe des Internets im vergangenen Jahr als „sichtbares Zeichen der Verbundenheit vieler Menschen“ angelegt haben, ist auch ein stiller Protest gegen den Wahnsinn um uns herum. Die Menschheit scheint völlig aus ihrer Mitte gefallen zu sein, wenn sie die überhaupt jemals hatte.
Wenn ich morgens die Presseschau lese, mich informiere, aufmerksam, interessiert aufnehme, was sich in der Welt tut und wovon berichtet wird, dann bekomme ich nicht selten ein schweres Herz.
Heute war da die Nachricht in der Süddeutschen Zeitung über die Zerstörung der seit über 8.000 Jahren besiedelten, zum Weltkulturerbe gehörenden syrischen Stadt Aleppo, die dem Krieg nun zum Opfer gefallen ist. Bruderkrieg. Bürgerkrieg. Mensch gegen Mensch. Am Ende bleibt nur Zerstörung.

Vertriebene aus dem Paradies sind wir.
Aber das Urbild ist dennoch da: der Paradiesgarten.
Die Welt, wie sie eigentlich gemeint ist.
Der Islam versteht den irdischen Garten als „Abbild“ des Paradiesgartens, als Hinweis, als Erinnerung, als Zielort, als Orientierung. Deshalb hat er in der muslimischen Kultur eine so überragende Bedeutung.

Unser Meditationsgarten hier im dünn besiedelten, vom demografischen Wandel schwer geplagten Norden Brandenburgs soll an dieses Abbild ebenfalls erinnern.
Damit wird er zum Protest.
Ein stiller Protest gegen den Wahnsinn der Zerstörung um uns herum und in uns selbst.
Denn das Äußere ist ja nur Ausdruck des Inneren.
Weil wir innerlich so zerstört sind, kann man die Zerstörung außen so gut erkennen.
Dieser Garten steht in der Tradition der Klostergärten, ist also dem Mönchtum nahe.
In der Vergangenheit waren die Mönchsbewegungen immer auch ein Protest gegen den Wahnsinn der Zeit, in der sie entstanden, waren Suchbewegungen, Versuche, wieder Orientierung zu finden. Sie waren ein Protest gegen die Macht des Geldes, gegen die Habgier, gegen das „Recht des Stärkeren“. Männer schlossen sich zusammen, Frauen ebenso. Sie gaben sich eine strenge Ordnung für den Tag, sie gelobten Armut. Sie entwickelten Alternativen für eine Welt, die sich für alternativlos hielt.

Wenn wir hier versuchen, mit der Natur zu arbeiten, nicht gegen sie, dann ist das der Versuch, wieder in die eigentlich gemeinte Harmonie mit uns selbst zurückzukehren.
Die alten Texte sagen von der ursprünglichen Natur: „Siehe, es war sehr gut“.
„War“ steht da.
Was hat die Menschheit nur mit dieser kostbaren Gabe angefangen!
Wenn ich morgens solche Nachrichten, wie die aus Aleppo wirklich in mich aufnehme, befällt mich manchmal eine zornige Traurigkeit über solches Elend.
Bei einem Theologen aus Lateinamerika las ich im Zusammenhang mit der zerstörerischen Energie der Menschen, die verschleudern und hinrichten, was ihnen geschenkt ist: „Christus wird täglich neu gekreuzigt“.
Ja, das kann man sehen. Es geschieht täglich.
Nicht nur in Aleppo.
Auch in den riesigen Plastik-Strudeln, die im Ozean treiben, beinahe so groß wie Europa.
Auch in den Statistiken der Rüstungs-Industrie.
Auch in den „Strategien“ der reichen Welt, China inklusive, sich nun Afrika unter den Nagel zu reißen auf der Suche nach den letzten verbliebenen Rohstoffen.

In einem morgendlichen thread bei facebook mit einem Kollegen hatte ich heute geschrieben: „Wenn es in vergangenen geschichtlichen Epochen drunter und drüber ging, hatten die Mönchsbewegungen Konjunktur, weil man wieder Orientierung brauchte. Mir scheint manchmal, die Zeit ist wieder reif dafür.“
Die Menschheit ist völlig „aus dem Häuschen“, aus der Mitte gefallen, ver-rückt geworden.
Es ist Zeit, inne zu halten.
Es ist Zeit, sich daran zu erinnern, wie es eigentlich gemeint war.
Es ist Zeit, einen Garten anzulegen, der im Äußeren sichtbar macht, wie es im Inneren aussehen könnte.
Er wird Zeit brauchen, um zu wachsen, gewiss.
Aber in wenigen Jahren schon wird er ein Ort sein, der nicht mehr erklärt zu werden braucht, weil er für sich selbst sprechen kann.

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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Eine Antwort zu Der Garten ist auch ein stiller Protest

  1. cafegaenger schreibt:

    „Ein stiller Protest gegen den Wahnsinn der Zerstörung um uns herum und in uns selbst.
    Denn das Äußere ist ja nur Ausdruck des Inneren…“

    Ein stiller, aber eben auch schöner Protest!
    So denkt man bei Protest häufig an harte Auseinandersetzung und Konfrontation,
    plakative Demonstrationen, auch Aufschreie, die immer in mehrere Richtungen wirken.
    Sie bedeuten vor allem Anbindung und Fesselung, zum Teil auch starres Bekenntnis.
    Es ist der Starrsinn, der die Schönheit angreift und oftmals zerstört.

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