Schaffe mir Recht! oder: ein Versuch über Felix Mendelssohn Bartholdy


Schaffe mir Recht!
Das ist das große Thema unserer Tage. Armutsbericht, Reichtumsbericht, Ungerechtigkeit in Deutschland und in der Welt – überall ist der große Ruf zu hören: „Schaffe mir Recht!“
So klingt der Ruf durch die Jahrhunderte.
Psalm 43, wohl schon in einer Sammlung aus dem 5. oder 6. Jahrhundert vor Christus enthalten – ein uralter Text. Weitergegeben von Generation zu Generation. Mündlich zunächst, später auch schriftlich. Weltliteratur.
Immer wieder hat man diese alten Lieder gesungen, vertont, nachgedichtet, nachgesprochen, auswendig gelernt.
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) beispielsweise hat sich intensiv mit dieser Literatur beschäftigt und zum Klingen gebracht.
Psalm 43 – oft habe ich das Stück mitgesungen in großen Chören, in großen Kathedralen. Oft habe ich es angehört.
Den einstimmigen Beginn: „Richte mich, Gott und führe meine Sache wider das unheilige Volk!“
Das enorme „Sende Dein Licht und Deine Wahrheit“ – der Chor entfaltet sich zu voller Größe und deutet wieder einmal an, worum es in der Musik eigentlich geht, nämlich eine Brücke zu schaffen zwischen Himmel und Erde. Der Horizont wird weit.
Tänzerisch geht es zu im mittleren Teil. Walzertakt schwingt: „…dass ich hineingehe zum Altar Gottes“. Wann hat es das zuletzt gegeben? Im Walzerschritt zum Altar? Beschwingt und fröhlich? Getröstet, aufgerichtet, tänzerisch?
So hört Bartholdy dieses uralte Lied. So bringt er den Trost des weiteren Horizontes in den Klang: im Tanz.
Wunderbar.
„Was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir?“
Das ist die Frage des Augustinus, die ihn sein Leben lang geplagt hat.
Bis er sagen konnte: „Unsere Seele ist unruhig, bis sie Ruhe findet in Dir.“
Augustinus, ein Leben lang ein Suchender, hat einen langen Lebensweg gebraucht bis zu diesem berühmten Satz, der aus mühsamer und leidvoller eigener Erfahrung kam.

Felix Mendelssohn hat sich wie viele andere Künstler intensiv mit den uralten Texten der Psalmen beschäftigt.
Er wusste viel vom Trost. Davon, dass ein Mensch aufgerichtet weitergehen kann, wenn er „den weiten Horizont Gottes gesehen hat“.

Was also klingt, wenn wir den alten Text und Mendelssohns Musik heute hören? In Zeiten von occupy und „Empört euch!“, in Zeiten wachsender Armut inmitten von wachsendem Wohlstand?
Billiger Trost?
Opium für das Volk?

Weit gefehlt.
Mendelssohn erzählt davon, dass gerade der Mensch, der sagt: „Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt?“ (Vers 2), wenn er „den weiten Horizont Gottes gesehen“ hat – im Walzerschritt seinen Lebensweg weiter gehen kann. Mendelssohn spricht – wie der uralte Text – von einer Lebenserfahrung.
Weil diese Erfahrung wahr ist, hat man sie von Generation zu Generation weitergegeben, immer neu nachgedichtet, vertont, auswendig gelernt.
Und wo ist dieser „weite Horizont“?
Dort, wo die Seele wirklich zur Ruhe kommt – in der Stille.
Deshalb sagt ja der alte Text: harre auf Gott!
Das ist die Meditations- (oder Gebets)erfahrung.
Das Ausharren in der Stille bis zu dem Punkt, an dem auch noch die „Gedankengeräusche“ (Rilke) aufhören – da beginnt sich der Horizont zu weiten.
Anders gesprochen: aus dem Hören kommt die Weite. Nicht aus dem Sagen.
Auch das eine uralte Erfahrung. Übrigens nicht nur im Christentum.
Man kann diese Lebens-Erfahrung hören bei Felix Mendelssohn.
Er hat sie gekannt. Und zu Klang werden lassen.
Damit wir sie hören können und der Horizont sich weitet.

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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