….dann kramt sie den grünen Plastikbeutel unter dem Tisch hervor……


Es geht ihr nicht gut heute. „Gestern wollte ich gar nicht mehr aufstehen“ sagt sie und hat feuchte Augen. Ihre Augen sind anders als sonst.  „Es geht nicht gut mit der Gesundheit. Vorige Woche bin ich auf der Treppe umgefallen“ sagt sie und nestelt an dem Sauerstoffschlauch, durch den sie für ihre kranke Lunge Unterstützung bekommt.
Seit dem Sturz geht es ihr nicht gut. Sagt auch der Nachbar, der sie regelmäßig besucht. Da sitzt er auf der Couch und hört zu. Sie kennen sich seit langen Jahren. Manchmal ist es ihr ein wenig zu viel, wenn er immer da ist, vielleicht findet sie, sie müsse dann für ihn sorgen. Und sie hat doch selbst genug mit sich zu tun gerade.

Und dann kramt sie den grünen Plastikbeutel unter dem Tisch hervor.
„Das will ich noch mit Ihnen besprechen“ sagt sie.
Papiere werden sichtbar. Eine schwarze Ledermappe. Zettel. Noch ein Beutel. Mit einem Hemd darin.
„Das ist mein Totenhemd. Das soll man mir anziehen“ sagt sie.
„Und das hier, das soll auf den Sarg genagelt werden“. Sie nimmt ein Kruzifix aus dem Beutel.
„Und das weiße Kreuz, das will ich in den Händen halten, wenn man mich gewaschen hat“ sagt sie.
Ich setze mich zu ihr auf die Armlehne der Couch und lege den Arm um sie.
„Was ist das heute mit Ihnen“ sage ich ihr: „Sie reden ja heute von Abschied“.
Dann ist es lange still.
„Ja“ sagt sie.

„Wissen Sie, in der Stadt, da war ich oft in der Kirche, als es noch besser war mit der Luft und mit der Lunge. Dann habe ich mir mein Kopftuch umgetan, wie es üblich war bei uns zu Hause in Ostpreußen und bin zum Altar gegangen, um mit meinem Herrgott zu sprechen. Aber man hat mich ausgelacht. Man hat gesagt: Bei uns steht man, man kniet sich nicht hin.
Die wollten mich da nicht in der Gemeinde in der Stadt mit meinem Kopftuch. Sie haben schlecht über mich geredet.
Ich will da nicht mehr hin.“

Wir haben eine Verabredung seit längerem.
Etwa einmal im Monat feiern wir Krankenabendmahl zusammen.
Manchmal ist der Nachbar dabei, der, den sie schon so lange kennt.
Manchmal ist er nicht dabei.
Es ist, wie es ist.
Seit sie so krank ist – eigentlich war sie ihr Leben lang krank – haben wir diese Verabredung.
„Ich weiß ja nicht, was morgen ist“ sagt sie.  „Es ist besser so“.

Sie hat viel erlebt in ihrem langen Leben.
Als Kind hat sie mit ansehen müssen, wie ihr Geschwister an der Brust der Mutter von einem Granatsplitter tödlich getroffen wurde. Damals. Auf der Flucht. Im Januar 1945, als sie über das Haff gekommen waren. In jenem Winter, als man die erfrorenen Flüchtlinge und toten Soldaten in Pasewalk auf dem Bahnhof einfach aufstapelte auf dem Bahnsteig, weil es so viele waren und man nicht wusste, wohin mit ihnen.
Der Großvater hat das tote Kind hinten auf den Wagen gelegt. Und nach einem geeigneten Ort gesucht für die Bestattung. „Nicht so dicht am Wald“ hat er gemeint „wegen der Tiere“.
Dann hat man das Geschwisterkind am Straßenrand, etwas abseits vom Wald in die frostige Erde gelegt. Und ist weiter gezogen mit den fünf anderen Wagen und den Nachbarn, die alle auf der Flucht waren.

Sie ist eine bemerkenswerte Frau. Denn sie hat eine religiöse Begabung. So etwas gibt es.
Sie hat sich eine kindliche Frömmigkeit bewahrt. Eine selbstverständliche, ganz ungekünstelte, echte und liebenswerte Frömmigkeit. Man hat sie oft ausgelacht deswegen.
Wir haben zusammen gesungen heute. Ich hab sie gefragt, ob sie denn ein Lieblingslied hat.
„Ihr Kinderlein kommet, ach kommet doch all. Zur Krippe her kommet, in Bethlehems Stall….“ Ich kenne das Lied gut. Hab es oft gesungen.
Heute singen wir es gemeinsam. Sogar der Nachbar summt mit da auf der Couch.
Advent in Uckerland.
Ich habe mir die Telefonnummer der Ärztin notiert und auch den Namen der Frau vom Beerdigungsunternehmen, mit der diese Dinge auch alle besprochen wurden. Dem freundlichen Nachbarn hab ich meine Handynummer gegeben. Damit er mich anrufen kann, „wenn etwas ist“.
Es soll alles so sein, wie sie es sich wünscht für ihren Tod.
Wenigstens das.

 

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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