Die Totenkranzkästen von Milow – eine Spurensuche


„Na, hier hinten haben wir noch was Schönes hängen“ hatte die Kirchenälteste Marlis Lehmann nach dem Konzert am vorigen Wochenende zu mir gemeint und zeigte mir dann zwei flache Kästen, aufgehängt unter der Orgelempore. „Die hat man, soweit ich weiß, wie Bräute beerdigt.“
Kinder. Eins wurde etwa anderhalb, das andere nur 12 Tage. In den Jahren 1857 und 1858 war das.
Ich fing an, zu recherchieren.
In Kassel wurde ich fündig. Im Museum für Sepulkralkultur.
Dort wies man mich hin auf ein Fachbuch zum Thema. Das habe ich bestellt und dann den Aufsatz über Totenkränze in Brandenburg gelesen. Frau Dr. Müller-Pfeifruck hat ihn geschrieben.
Etwa zeitgleich stieß ich auf den Hinweis, dass das Neue Museum in Berlin und das Pergamon-Museum in Berlin eine Ausstellung und Fachtagung zum Thema veranstaltet haben. Anfang des Jahres erst war das.
Die Sache wurde immer spannender.
Dann klingelte es und die Post brachte mir das bestellte Buch.
Ich las davon, dass solche Kränze mit der Hand gefertigt wurden. Beinahe ortstypisch seien sie gewesen. Frauen im Dorf hätten sich spezialisiert auf die Herstellung solcher Kränze.
Waren sonst Epitaphien nur für Wohlhabende möglich, Gutsherren, Patrone, Pfarrer (obgleich die weniger wohlhabend waren), konnte nun „das Volk“ seine Gedächtnistafeln in der Kirche anbringen.
Theodor Fontane hat sie in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschrieben und beklagt, dass auf Anordnung verschiedener Superintendenten und Pastoren diese Kränze nach und nach aus den Kirchen entfernt würden, sie seien „Staubfänger“ und „eitel“.

Ich sehe sie anders als jene Superintendenten und Pastoren in jener Zeit.
Ich verstehe diese den Kindern und Ledigen vorbehaltenen „Brautkränze“ als einen angemessenen Weg, mit dem besonderen Schmerz des Verlustes eines Kindes umzugehen. Man fertigt ein „besonderes Gedächtnis“ für das Kind an und bringt es an den Ort, der einem jede Woche vor Augen ist – in die Dorfkirche.
Die Sitte war in manchen Orten, diese Kinder wie Bräute in den Sarg zu legen.
Starb eine ledige junge Frau, bekam sie alle äußeren Zeichen der Braut: Schleier, Blumen etc. Sie wurde von sechs ausgewählten „Jünglingen“ des Ortes getragen. Wenn der Kondolenzbesuch kam, grüßte man die Mutter der Verstorbenen und wünschte „Alles Gute zur himmlischen Hochzeit“.
Das war die Vorstellung: der Tod als Vermählung.
Deshalb die Kränze.
Vorbehalten den Ledigen, vor allem den Kindern.

Seit 1860 seien solche Kränze bislang in der Uckermark nachgewiesen worden, las ich.
„Unsere“ in Milow sind aber von 1857 bzw. 1858.
Also fuhr ich nach Milow hinüber, heute, am Freitagnachmittag, verabredete mich mit der Kirchenältesten, brachte ihr das Buch mit, machte Fotoaufnahmen und schickte sie nach Berlin an Frau Dr. Müller-Pfeifruck, die schon ganz gespannt auf die Fotos wartete.

Am 4. August wird sie ihre Ausstellung über die Sitte, ledige junge Menschen, meist Kinder, mit solchen Kränzen zu ehren, in Bad Freienwalde zeigen.
Wenn wir Glück haben, zeigen wir diese besondere Ausstellung zu regionaler Bestattungskultur im kommenden Jahr auch in Milow.

Spannend und lehrreich. Was man so findet unter der Orgelempore…..

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
Dieser Beitrag wurde unter Tagesnotizen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s