Wohin ist das Feuer gegangen? Ein Besuch bei Emil Nolde


Wo ist das Feuer geblieben?
In den Augen dieses Kindes kann man es sehen. Noch.
Kündet vom Leben und von der Begeisterung. Blickt weit über den Horizont der alten Gelehrten.
Es wollte Brot und man gab ihm Steine.
„Jesus und die Pharisäer“ heißt das Bild.
Sie haben zerredet, was die Seele entflammen will, in Gelehrtensprache verborgen, verstümmelt, was Leben bezeugt.
Das Feuer, das innere Feuer, Nolde hat es gemalt. Großartig, seine „Religiösen Bilder“.
Sie kamen heute mit der Post, verborgen in einer Pappe lagen sie da, im Katalog gedruckt. Nun liegen sie da auf dem Tisch und dröhnen mich an wie ein Paukenschlag. Wie ein Donnerhall.
Umwerfend.
Wer zu sehen versteht, kann es sehen: das Feuer, das da in dem Kinde brennt.
Das einfache göttliche Feuer.
Nolde hat diese Bilder wie im Rausch gemalt. Innere Bilder, die in ihm da waren, gereift waren über lange Jahre. Plötzlich waren sie da. Erinnerungen an die Zeit, als er – noch ein Kind – die alten biblischen Geschichten las.
Nach einer schweren Vergiftung hat er sie gemalt, knapp dem Tode entronnen.
Er hat allen Ballast von sich geworfen, nicht mehr „nach der Natur“ gemalt, sondern nur noch nach dem, was da in ihm brannte.
„Wie im Rausch“ hat er gemalt.
Er war offensichtlich „in Kontakt“.
„In Kontakt“ mit jenem Feuer, aus dem die Welt erschaffen wurde, jenem göttlichen Feuer, von dem die Sprache der Gelehrten nichts mehr weiß.
Sie haben es eingemauert in ihre Gedankengebäude. Festgezimmert, vernagelt.
Zu.
Nicht mehr zu finden. Ausgebrannt.
Man pflegt die alten Mauern noch, gewiss.
Es ist ein letzter Dienst, ein hilfloser zudem, ein vergeblicher Versuch.
Das Feuer lodert längst am andern Ort.
Lässt sich nicht bändigen.
Ungestüm brennt es.
Woanders.
Im Auge dieses wissenden Kindes, das weiter sieht als der Horizont der Gelehrten je reichen kann, gefangen, wie sie sind in ihren Gedankengebäuden.
Nolde hält seine „Religiösen Bilder“ für den Höhepunkt seines Schaffens.
Sie kamen heute zu mir.
Als Botschaft.
Botschaft vom Feuer.
Diese Bilder sind umwerfend in ihrer Kraft, in ihrer kindlichen Ungefangenheit, in ihrem unmittelbaren Ausdruck.
Sie werfen über Bord, was sich da angesammelt hat an Worten.
Unmittelbar zeugen sie vom Feuer der Propheten.
Nolde geht über die Brücke.
Er wird vom Künstler zum Verkünder.
Er wird zum Propheten.
Kündet vom Feuer, das da weit hinterm Horizont lodert.
Malt es.
In die Augen dieses Kindes.
Kein Wunder, dass man seine Bilder lange nicht in Kirchen gezeigt hat.
Als man es tat, fielen sie über ihn her, die Schriftgelehrten.
Aber das Feuer kann man nicht töten.

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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