Was ist relevant? Etwas von der Gartenarbeit


Kürzlich erschien eine jener Studien, die den Deutschen das Leben erklären wollen.
„Wir“, so sagten einige Journalisten in jener Studie, hätten „verlernt zu sehen, was relevant ist“.

Der Garten in Uckerland lehrt mich: relevant ist das, was ich gerade tue.
Es gibt nichts Wichtigeres.
Wenn ich ganz dabei bin, so, als könne die Welt durch eben diese Tätigkeit, eben diese Aufgabe, eben diese Arbeit besser werden, dann ist „relevant“, was ich gerade tue.
Unkraut jäten zum Beispiel.
Oder: Rosen wässern.
Oder: Pflanzen.
Oder: mit den Nachbarn sprechen.
Selbstverständlich nehme ich wahr, was um mich herum geschieht. Lese Pressestimmen, höre Kommentare, lese Überschriften.
Aber relevant sind sie nicht. Ich muss ihnen nicht „nachjagen“. Ich muss mich nicht jener Neugierde opfern, für die immer alles „neu“ und „noch nie gehört“ und „sensationell“ sein muss.
Der Garten lehrt mich: tue die Aufgabe, die du dir vorgenommen hast ganz. Tue sie so, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt.
Wenn du in Gedanken „irgendwo“ bist, aber nicht bei der Arbeit, die du gerade tust, dann wird die Arbeit nicht gelingen.
„Ich will jetzt dieses Beet von Unkraut befreien“ – ok. Dann tue es. Aber tue es ganz.
Klage nicht, die Arbeit sei schwer. Beschwer dich nicht über die Hitze der Sonne. Nimm wahr, daß sie allem das Leben gibt. Räsonier nicht, dass es lange nicht geregnet hat, sondern freu dich, dass dadurch auch das „Unkraut“ weniger wächst….
Nimm den Grubber, lockere die Erde, knie dich hin, ziehe den Giersch oder den Ackerschachtelhalm oder die Quecke aus dem Boden. Ganz. Mit der Wurzel. Wenn es nicht gleich gelingt, arbeite tiefer.

Wenn eine Studie behauptet, „wir“ hätten verlernt, „zu sehen, was wirklich relevant ist“ – so sagen es Journalisten von ihrer Arbeit in Bezug auf die Netzwerke und die Themen, die dort diskutiert werden – dann ist das in meinen Augen ein Symptom für ein Leben im Uneigentlichen und Oberflächlichen.
Relevanz erhält etwas nicht dadurch, dass viele Menschen das gleiche tun, der gleichen Meinung sind, der gleichen Überzeugung angehören. Relevant wird eine Zeitung nicht dadurch, dass sie Themen aufgreift, die auch „das Netz“ diskutiert.
Relevanz erhält etwas dadurch, dass es „ganz“, also mit Leib und Seele, getan wird.
Wenn ich gehe, gehe ich. Wenn ich jäte, jäte ich. Wenn ich esse, esse ich. Wenn ich rede, rede ich. Wenn ich zuhöre, höre ich zu.
Dadurch entsteht Relevanz.
Ich lasse mich nicht mehr von den Themen durch den Tag hetzen.
Ich lasse mich nicht mehr jagen von den Trends, die kommen und gehen wie eine Wolke.
Ich tue, was ich tue.
Tag für Tag.

Leben im „Nu“ (Meister Eckhart), leben im „Hier und Jetzt“ – das ist relevant.
Dies allerdings haben wir früh schon verlernt, das ist wahr.
Wir tun etwas, sind aber mit den Gedanken gar nicht dabei.
Denn wir haben die eigene Wurzel verloren, huschen durch die Themen und Meinungen wie der Wind durchs Gras.
Es bedarf einer neuen Verwurzelung.
Eine neue, tiefe Verwurzelung aber wächst in der Stille, nicht im Lärm.

Mönche wissen um den Wert der Handarbeit, wissen um die Bedeutung der Erd-Arbeit: „Bete und arbeite“ (ora et labora). „Arbeite und bete“. Damit ist gemeint: sei ganz (mit Leib und Seele) bei dem, was du tust. Komm an in der Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks. Tue, was du tust.

Der Garten lehrt mich, was relevantes Leben ist.
Er lehrt mich auch, wie schön es ist, die Blüte zu sehen, die heute früh aufgegangen ist. Über Nacht. Ohne, dass ich etwas dazu tun konnte……

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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Eine Antwort zu Was ist relevant? Etwas von der Gartenarbeit

  1. wasdunichtwillstdassmandirtu schreibt:

    ja, in der stille…
    ohne, dass ich etwas dazu tun konnte…….
    danke, lieber ulrich

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