Red nich viel und nimm deine Kanne…..


Um sechs Uhr in der früh war der alte Nachbar da mitsamt seiner gelben Gießkanne. Stiefelte vom Bach den Hang hinauf, um die Rosen, die Eiben und die Weißbuchen im neuen Garten zu gießen. Gestern Abend schon hatte er es ankündigt: um sechs Uhr würde er da sein. Die Katechetin hatte mit ihm gesprochen, weil sie sich Sorgen macht um den neuen Garten.
Was kann ich tun? Ich ziehe mich an, nehme mir zwei Kannen und von Eingang des Kellers, ziehe die Stiefel an und helfe dem alten Mann.
Frisch ist es am Morgen. „4 Grad hatten wir. Plus“ meint der Nachbar. In Gummihalbschuhen geht er vor mir den Hang hinab, steht mit einem Bein halb im Wasser, es ist rutschig da unten. Füllt seelenruhig erst seine Kanne, schaut sich am Bach um, wartet, bis ich mit meinen zwei leeren Kannen komme, füllt die, reicht sie mir den Hang hoch. Dann gehen wir und tragen das Wasser in den Garten. Zwei Männer bei der Arbeit. 1946 hat man ihn konfirmiert. „Unter dem Apfelbaum hab ich als Konfirmand schon gesessen“ erzählt er mir später, als wir durch den Garten gehen und uns die einzelnen Rosenpflanzungen besehen. „Jo. 1946 war dat.“
Er arbeitet mit großer Selbstverständlichkeit. Die Arbeit ist nicht einfach für den alten Herrn. Stellmacher ist er eigentlich. „Und Sie stehen immer früh auf?“ frage ich ihn. „Gestern haben Sie sowas erzählt? Wann geht’s denn raus am Morgen?“
„Na, so zwischen fünf und sechs“ meint er. „Is ja immer wat zu tun. Denn lieber mal ne kleine Pause, so um elfe rum. Aber morgens, vor dem Frühstück, da bin ick mit dem Jarten denn schon eenmal rum.“
Tja. Da geht er mit seiner Kanne. Wie ein alter Indianer. Ein wenig gebeugt, klar, das Alter hinterlässt Spuren. Und wer 1946 konfirmiert wurde, geht halt anders als Jüngere….
Die einfache Selbstverständlichkeit, mit der er gestern gemeint hatte: „Ick bin denn um sechse da und gieß mal“. Die einfache Selbstverständlichkeit, mit der er heute früh da war und einfach anfing mit der Arbeit. Die einfache Selbstverständlichkeit, mit der er da seine gelbe Kanne den Hang hinaufträgt und die Pflanzen gießt.
Der klagt nicht, der meckert nicht. Der geht, trägt seine Kanne und gießt.
Als ich diese kurze Geschichte später in drei Sätzen für die Garten-Seite im Internet wiederhole, fallen mir andere postings auf: da wird gemeckert, geklagt, diskutiert, gezetert.
Dieser alte Nachbar da, der gekommen ist, um zu helfen, damit die Pflanzen im neuen Garten bekommen, was sie zum Wachsen brauchen, der ist diesem Geschwätz da draußen weit weit überlegen.
Er tut einfach, was zu tun ist.
Es war mir schwer gefallen, aufzustehen heute früh nach wenig Schlaf, ich gebe es zu.
Innerlich war ich ein wenig knurrig, denn mir blieb ja gar nichts anderes übrig, als dem alten Mann zu helfen, wenn er da ging und seine Kanne schleppte.
Oben schläft der Besuch im Gästezimmer – und ich schleppe Wasserkannen am Morgen in Gummistiefeln vom Bach den Hang hinauf in den neuen Garten.
Aber: diese Knurrigkeit war schnell verflogen. Nach ein, zwei Gängen durchs nasse Gras, ein kleiner Trampelpfad hatte sich schnell gebildet, war da nur noch der frische Morgen und die Arbeit, die zu tun war.
„Sechs mal bin ich schon gegangen“ sagt der alte Mann, als ich dazu komme.
Und er freut sich, dass ich mit zwei Kannen zu Hilfe komme.
„Ist doch besser, sowas zusammen zu machen.“
„Jo“ meint er. „Is besser“.
Füllt die drei Kannen, reicht sie mir. Ich nehme meine zwei, gehe den Hang hinauf, er folgt, wir gießen.
„Na, einmal muß ich noch, die da hinten braucht noch“ meint er.
„Ich komm nochmal mit hinunter, mach auch noch einen Gang“ sage ich.
Das ist unser Morgen-Gespräch. Etwa 25 Kannen braucht der Garten. Etwa eine Stunde Arbeit für zwei Leute.
Dann zeige ich ihm jede einzelne Pflanze, wo sie her kommt, wer sie gestiftet hat.
Und so entsteht eine kleine Beziehung zwischen ihm und mir, zwischen ihm und dem Garten.
Zwischen mir und den Garten und diesem Uckerland, das so beeindruckende Menschen hat.
Einfach. Klar. Selbstverständlich leben und arbeiten sie.
Wie dieser alte Mann.
Der tut diese Arbeit ja zusätzlich. „Ehrenamtlich“. „In Pasters Garten“. Seinen eigenen Garten macht er extra. „Vor dem Frühstück bin ich einmal rum“…..
„Beten und arbeiten“.
Da ist es.
„Red nich viel, nimm die Kanne. Und danke dem Herrgott für diesen schönen Morgen“.
Mehr ist nicht zu sagen.

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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Eine Antwort zu Red nich viel und nimm deine Kanne…..

  1. Beate Wichmann schreibt:

    So schön: aus dem Leben – aus dem Herzen gesprochen! So um elfe ist doch dann eine Pause!

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