Die Figur im Holz. Text 15. Baumgeschichte… Von Peter Reuter


Baumgeschichte…
(Ein Märchen?)

Fürwahr, diese Geschichte, ich habe sie im Wald gehört, sie wird dort immer noch erzählt, und dies seit mehr als vielen Jahren. Wahr sei sie – diese Geschichte, die Bäume sagen es, sie sagen es alle. Und weil ich die Geschichte immer dann erzählt bekomme, von den Bäumen, betrete ich ihn, diesen ihren Wald, deswegen hatte ich beschlossen, dass sie wahr sei. Mittlerweile weiß ich es genau, sie ist wahr.

Als der Baum wusste, dass es für Zeit für ihn sei, den Wald zu verlassen, der Waldrand hatte sich in den letzten 200 Jahren stetig auf ihn zu, bewegt, da stellte er sich manchmal vor, was wohl aus ihm und seinem Holz werden würde. Die Gedanken wanderten durch all die Möglichkeiten, von denen er wusste, weil er davon gehört hatte. Lange, sehr lange und gerne hatte er im Wald gelebt und geliebt, hatte geblüht, wurde bestäubt und hatte gestreut. Der Nachkommen viele, alle besetzt mit Zipfeln von Geist und Seele, seinem Geist, seiner Seele – es würde nicht schwierig sein, in ein neues Leben einzutreten. Angst war ihm fremd, zu lange hatte er gelebt und gesehen, nur diesen Zipfel Geist, diesen Zipfel Seele, den wollte er auch bei sich behalten.

Jetzt gilt es abzukürzen, präzise zu schildern, was mit ihm passierte. Das Fällen, längst erwartet, trotzdem kam es überraschend. Als er sich neigte, da dachte er daran, gleich würde er wissen, was es bedeuten würde, zu liegen. Dies war eines der Geheimnisse, welches er in den vielen Jahren nicht für sich ergründet hatte, er war nie gelegen. Die Menschen zogen ihm die Kleider aus, entfernten Äste und Blätter, sie schälten die Rinde – und aus seinem Stamm wurde in drei Teile zerlegt. Jedes Teil war mit einem Zipfel besetzt, mit einem Zipfel Geist und mit einem Zipfel Seele.

Die Geschichte des ersten Teils ist keine schöne Geschichte. Und obwohl er vom zu Geschehenden gehört hatte, Kunde davon war in den Wald bis zu ihm durchgedrungen, trotzdem war es schlimmer, als er es sich je ausgemalt hatte.
Vermeintlich fleißige Menschen drechselten aus ihm Schäfte für Speere, Griffschalen für Schwerter, Pfeile für den Bogen. Später musste er seinen Leib für Gewehrkolben hergeben, für Munitionskisten – und die Griffschalen schmückten vermeintlich die Griffe von Pistolen. All diese Instrumente wurden reichlich eingesetzt und erwiesen sich auf ihre Art als sehr erfolgreich. Die Menschen meinten, das Holz sei harzig. Keiner bemerkte, dass es sich die Seele aus dem Leib weinte, dass es nicht mehr aufhören konnte, dass es froh und dankbar war für das Feuer, welches auch es erfasste und zu Asche verwandelte. Die Asche versteckte sich voller Gram unter der Erde. Mit der Trauer, der großen und schrecklichen Trauer, es war nicht möglich, damit zu enden. Geist und Seele machten sich auf den Weg, es musste das Andere geben, und sie fanden den zweiten Teil, wo man sie willkommen hieß.

Die Geschichte des zweiten Teils hat nicht mit Waffen zu tun, trotzdem ist sie nicht immer eine schöne Geschichte – und sie hat wieder mit den Menschen zu tun. Aus dem Block schnitten die Menschen Bohlen und Bretter, Pflöcke und Erdnägel. Scheinbar brauchten sie eine ganze Menge davon, viele Bäume wurden dazu verarbeitet. Am Fuße eines Berges nahm man sie und baute an der Stelle, an der ein wilder Bach auf die Talsohle traf, einen Damm, einen Deich. Warum auch immer, die Menschen hatten an diesem Berg alle Bäume gefällt und nicht bedacht, dass die Bäume als Freunde der Menschen im Sommer das Wasser und im Winter das Wasser und den Schnee davon abhielten, die Gärten und die Siedlung zu überschwemmen und zu vernichten. So kam es, wie es kommen musste. Das Wasser war zu viel und zu mächtig, als es unentwegt und schier endlos den Berg hinunter sprang, Steine und Felsen, und auch unvorsichtige Jungbäume einfach mit sich riss, zuerst den Garten, dann die Weiden, dann die Siedlung überflutete und gänzlich bedeckte. Nicht nur die Menschen hörten auf zu leben, auch das Tal verwandelte sich in einen Ort des Schmerzes und der Trauer. Das Holz verfaulte und versteckte sich unter der Erde – und ein nicht endend wollender Schmerz nistete sich ebenfalls ein. Ein Zipfel Geist und ein Zipfel Seele konnten sich retten und fanden den dritten Teil des Stammes, wo man sie willkommen hieß.

Der dritte Teil, er blieb lange unbemerkt in einem Schuppen liegen, träumte von Zeiten, als er Teil eines Baumes war, umarmte Geist und Seele des ersten und den zweiten Teils, welche Schmerz und Trauer immer noch in sich trugen. Wahrhaftig Zeit war es, dass sich die Geschichte eine andere Richtung gab, dass Glaube und Liebe und Hoffnung helfen würden – zu verstehen und zu verändern. Auch der Schöpfer des Waldes und der Menschen und der Welt und des Himmels dachte daran, dass es mehr als Zeit sei. Und so schickte er einen Menschen in den Schuppen und dieser sah den Stamm und streichelte ihn und wusste, was in dem Stamm verborgen war, und er würde helfen, eine Türe zu finden und den Stamm öffnen und die Menschen öffnen, auf das die Menschen ein Einsehen hatten und haben, mit sich, mit den Bäumen, mit dem Leben, mit dem Gott. Und so geschah es, die Gestalt öffnete die Tür, trat in einen Mantel gehüllt ins Freie. Ihre großen und blinden Augen sehen alles, Geist und Seele eines Baumes finden sich darin. Bäume sind sehr alt und sehen alles – und sie wissen alles. Und die Gestalt nannte sich Christine 3 und heißt heute immer noch so. Und wenn man bei ihr steht oder sitzt, sie berührt, sich von ihr berühren lässt, dann weiß man genau, was mit Holz nicht mehr passieren darf. Man ist dem Schöpfer der Figur dankbar, er hatte den rechten Schlüssel zur Hand. Und man ist dem Schöpfer dankbar, für den Weg. Das, liebe Freundinnen und Freunde, das ist wirklich mehr als gut.

© Peter Reuter

Über stillefinden

dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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2 Antworten zu Die Figur im Holz. Text 15. Baumgeschichte… Von Peter Reuter

  1. bikerpfarrer schreibt:

    Nach wie vor – eine geniale Reihe, Uli!

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