Die Figur im Holz. Text 14. Jutta Baltes (Olching)


Opa schläft
von Jutta Baltes

„Opa ist eklig. Ich geh nicht hin. Auf keinen Fall!“
Mareike verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre großen Ohrringe schaukelten energisch.
Warum hatte sie sich bloß die Haare abschneiden lassen, dachte Eva. Manchmal zweifelte sie daran, ob diese halbwüchsige Göre wirklich dasselbe Kind war, das sie noch vor Kurzem auf den Armen getragen hatte. Sie starrte die kurzen, kunterbunt gefärbten Stoppeln an und verzog den Mund.
„Mama – !“ Mareikes Stimme klang warnend. „Spar dir deinen Kommentar! Sie sind schon ab. Und ich brauch‘ dich nicht zu fragen – ich bin 16 und ich kann machen, was ich will!“
Eva stand wortlos vom Tisch auf und stapelte die schmutzigen Teller aufeinander. Tolles Essen war das gewesen! Warum machte sie sich überhaupt die ganze Mühe, kaufte ein und stellte sich in die Küche, wenn es sowieso immer nur Streit gab.
„Du musst aber zu Opa. Ich kann morgen einfach nicht! Tante Hedwig ist im Urlaub und dein Bruder Tom war letztes Mal dort. Und: Du hast Ferien!“
Eva ging hinüber in die Küche, sie sah aus den Augenwinkeln, wie Mareike ihr eine Grimasse mit auf den Weg gab. Natürlich: Sie hätte erklären können, dass es Opa schlecht ging. Dass der Pflegedienst, der jeden Tag einmal kam, sich nicht darum kümmerte, wenn Opa ohne Socken herumlief oder ein Hemd falsch herum trug. Dass jemand nachsehen musste, ob er wirklich aß und trank, was der mobile Dienst anlieferte und ob er nicht aus Versehen Wasser in die Badewanne laufen ließ und im nächsten Moment wieder vergaß, dass er den Hahn aufgedreht hatte. Natürlich. Sie hätte alles das erklären und an Mareikes Mitgefühl appellieren können. Sie an die schönen Zeiten erinnern, die sie mit Opa verbracht hatte, als er noch jünger war. Doch sie wusste, dass das nichts nutzte. Das alles war längst gesagt, hundert oder tausend Mal. Mareike hatte irgendwann beschlossen, dass es sie nichts mehr anging. Ihr Handy und die facebook-Freunde waren einfach cooler als Opa. Was sollte sie dagegen unternehmen? Eva fühlte sich wieder einmal ratlos.

Mareike ließ sich Zeit. Sie ging extrem langsam die Weinstraße hinauf. Das Haus war schon zu sehen. Das Haus, in dem Opas Wohnung war. Auch wenn sie noch so langsam ging, es kam immer näher. Sie wollte nicht dorthin. Sie konnte die Wohnung einfach nicht betreten. Es roch eklig nach Alte-Männer-Schweiß und Staub und Moder und nach Pisse auch. Neulich, als sie zusammen mit Mama dort war, da hatte Opa in die Hose gepinkelt. Mama hatte ihm geholfen, sich umzuziehen. Dann hatte sie seelenruhig Opas Klamotten zusammengepackt und alles in die Waschmaschine geworfen. Mareike sah die versiffte Hose mit dem peinlichen Fleck noch vor sich. Sie schüttelte sich – sie hätte das nicht gekonnt, nicht einmal zugesehen hatte sie. All das war nichts für sie – der komische Geruch nicht und Opas peinliche Vergesslichkeit erst recht nicht. Der Opa, den sie kannte, hatte mit dem Wrack, der er jetzt war, nichts zu tun. Warum hatte Mama sie nur dazu verdonnert, diesen bescheuerten Besuch zu machen?
Mareike drehte die Lautstärke des mp3-Players hoch. Ihre Lieblings-Punkies lärmten direkt unter ihrer Schädeldecke und die Bässe wummerten gegen ihr Trommelfell. Gut war das! Vor allem wenn es ein bisschen wehtat.

Die Tür sprang sofort auf, als sie den Schlüssel herumdrehte. Mareike zog den linken Ohrhörer raus und stoppte den Player. Nichts rührte sich. Stille in der Wohnung.
„Opa? Hallo Opa – ich bin‘s“, rief sie in den dunklen Flur hinein und wartete auf Opas zittrige Nölstimme, die er sich seit Neuestem zugelegt hatte. Immer klang alles, was er sagte, so, als wäre er von vorne herein beleidigt. Aus Prinzip sozusagen. Mama stritt das ab. „Er ist krank“, sagte sie. „Krank und alt, unsicher und manchmal verzweifelt.“ Mareike hatte die Schultern gezuckt und „Da kann ich doch nichts dafür!“ gerufen.
Keine Antwort, alles blieb still. Nur der Anrufbeantworter auf dem Telefontischchen blinkte wie verrückt. Opa checkte das Ding nicht – das hatte sie Mama gleich gesagt.
„Opa? Hallo? Bist du da?“ – Na toll! Mareike schloss die Wohnungstür und ging langsam ein paar Schritte weiter. Vom Wohnzimmer her konnte sie das Ticken der alten Uhr hören. Das Ding tickte so laut, dass sie das Pendel früher immer angehalten hatten, wenn sie bei Opa übernachten durfte. Dann lag sie eingemummelt auf der riesigen Couch. Sie spielten Mensch-ärgere-dich-nicht oder Opa las vor. Unermüdlich. Und mit seiner tiefen, knarzenden Stimme sang er Wiegenlieder, bis ihr die Augen zufielen und sie endlich einschlief.
Noch immer nichts. „Opa?“ In Mareikes Stimme schlich sich ein unsicherer Ton. Direkt unheimlich war das. Alles so dunkel und – irgendwie tot. Nein, nein! Nur nicht daran denken – das war Blödsinn. Opa starb nicht. Nicht jetzt jedenfalls. Und überhaupt: Wahrscheinlich hatte er mal wieder das Hörgerät vergessen, es lag auf dem Nachttisch und gab leise Pfeiftöne von sich. Töne, die Opa nicht hören konnte, wenn er sein Hörgerät nicht drin hatte. Mareike musste kichern. Eine tolle Erfindung war das – und so praktisch!
Mareike stapfte vorwärts, es war gut, wenigstens die eigenen Schritte zu hören. Und das Ticken der Uhr. Auf dem Weg ins Wohnzimmer sah sie durch die offene Küchentür, dass ein Teller umgedreht zum Trocknen auf der Ablage neben der Spüle lag. Auf dem Herd stand ein Topf mit Deckel. Es roch nach Gemüsesuppe. Alles paletti. Opa hatte gegessen und sogar aufgeräumt.
Sie fand Opa in seinem Lieblingssessel. Es war ein echter Opasessel – ein wahres Monstrum mit elektrisch verstellbarer Lehne und einer Fußstütze, die man ausfahren konnte. Mama hatte ihm das Ding geschenkt – schweineteuer war es gewesen und Mareike hatte sich gefragt, warum Mama die Scheine hier nur so hinblätterte und sonst so knausrig war. Den heiß ersehnten eigenen Fernseher für ihr Zimmer würde sie sich wünschen müssen, bis sie schwarz war.
Opa schlief. Sein Oberkörper hob und senkte sich gleichmäßig bei jedem Atemzug. Na also. Kein Grund zur Panik. Lag nur am dunklen Flur, dass sie sich vorhin solche Sorgen gemacht hatte. Einfach nur blöd! Mareike fühlte sich trotzdem sehr erleichtert.
Seufzend ließ sie sich auf dem kleinen Schemel nieder, der neben dem Sessel stand. Opas dünner Körper verschwand fast in dem großen Monstersessel. Ein Buch war ihm auf den Bauch gesunken, der Daumen steckte noch zwischen den Seiten. Die Brille saß schief auf seiner Nase. Vorsichtig nahm Mareike sie ihm ab.
Friedlich sah er aus, dachte sie. Der Schlaf hatte Opas Gesicht ganz glatt gebügelt, nur ein paar tiefe Furchen zogen sich über seine Wangen, an der Nase entlang und auch zwischen den wuschigen Brauen zeichnete sich die vertraute Linie ab, die auf die Stirn und beinahe bis zum Haaransatz gemalt war. Die vielen kleinen Fältchen, die sonst sein ganzes Gesicht übersäten, waren fast weg. Zart sah er aus, dachte Mareike, zart und doch stark, von einem schönen Traum geschützt und eingehüllt, voller Vertrauen – fast wie ein kleines Kind. Auf den dünnen Lippen, die immer ein bisschen bläulich aussahen, lag ein winziges Lächeln. Mareike lächelte auch. Sie musste es einfach, unwillkürlich. Und plötzlich kamen die Bilder. Sie sah, wie Opa mit ihr Ball gespielt hatte auf der großen Wiese am Spielplatz. Wie er ihr das Schwimmen beigebracht und geduldig im Wasser neben ihr gestanden hatte, bis sie sich endlich traute, die ersten Züge alleine zu tun. Die Bilder purzelten übereinander, sie sah sein stolzen Lachen und die Sonne in seinem damals schon schütteren Haar.
„Alles ist noch da“, dachte sie plötzlich. Alles, was er erlebt und was er geliebt hatte, war noch immer abzulesen in diesem Gesicht, das sonst manchmal vor lauter Vergessen und Schmerz ganz verschlossen war. Wie er so dalag und schlief, war alles gut.
„Er sieht komplett aus“, dachte Mareike, „irgendwie vollständig.“ Was genau das zu bedeuten hatte, wusste sie selbst nicht.
Plötzlich klappten seine Lider auf und Mareike sah direkt in seine grauen Augen, die zuerst einen Weg suchen mussten aus dem Traum zurück in die Wirklichkeit. Als er sie erkannte, blitzten sie auf, das Lächeln auf seinen Lippen verwandelte sich in ein Strahlen, das sich sofort auf seinem ganzen Gesicht ausbreitete. Alle Fältchen, Furchen und Linien kehrten augenblicklich zurück. Jedes einzelne. Mareike lachte fröhlich. An diesem Tag blieb sie viel länger bei Opa als sie gewollt hatte.
© Jutta Baltes, 2012, Alle Rechte vorbehalten

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dies ist der blog der Kirchgemeinden im Uckerland. verantwortlich: Pfarrer Ulrich Kasparick Hetzdorf 16 17337 Uckerland mail: Hetzdorf@pek.de auch bei facebook: https://www.facebook.com/pages/Kirchen-in-Uckerland
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Eine Antwort zu Die Figur im Holz. Text 14. Jutta Baltes (Olching)

  1. bikerpfarrer schreibt:

    Diese Reihe finde ich genial. Tolle Idee!!!

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