Selten hat mich ein Foto so elektrisiert wie das von jenem jungen Mann, der gestern auf dem Takzim-Platz in Istanbul stand. Schweigend. 7 Stunden lang. Heute morgen sah ich mir ein kurzes Video an, ein winziger Clip von drei Minuten, der auch andere Menschen zeigte, die sich zu diesem jungen Mann gestellt hatten. Auf Journalistenfragen geht er nicht ein. Er steht. Und schweigt. Millionenfach ging sein Foto in dieser Nacht um die Welt. Der Hashtag #duranadam wurde zur Nummer 1 in der Türkei in einer Nacht. Heute früh kam die Nachricht, der junge Mann sei verhaftet worden, mittlerweile aber wieder frei. Mich erinnert die Geschichte an Gandhi. Wir haben ihn gelesen 1983, später wieder, 1988, 1989. “Wir” – das waren Jugendliche, für die ich als Jugendpfarrer Verantwortung trug. Die unzufrieden waren mit ihrem Leben in der Diktatur. Die nach Wegen suchten, sich zu artikulieren. Ich wollte verhindern, dass sie Unüberlegtheiten tun, wollte sie möglichst schützen vor Gefängnis und Repression. Weshalb wir uns gründlich vorbereiteten. Und Gewaltfreiheit trainierten. Durch Rollenspiel, durch Lektüre, durch nächtelange Gespräche. Ich hatte mit diesen engagierten Jugendlichen, die meisten von ihnen waren Abiturienten, eine Reihe ins Leben gerufen, die hatten wir genannt: “Die groß waren durch ihren Geist – pazifistische Traditionen des 19. und 20. Jahrhunderts”. Wir lasen Tolstoi, Gandhi, King, Stefan Zweig, Romain Rolland, Suttner. Wir sprachen über Religion und Politik. Und wir übten uns ein im Streit, gewaltfrei zu bleiben, auch auf die schärfste Provokation gewaltfrei zu reagieren. Das Rollenspiel hat dabei geholfen. Und die Übung der Stille. “Es ist möglich, dass Blut fließen wird” hatte Gandhi seinen Mitstreitern zu Beginn des Großen Salzmarsches gesagt. “Ab er es darf nicht das Blut unserer Gegner sein”. Gewaltfreiheit. Was für ein hohes Gut! Und wie schwer, durchzuhalten. Und nun ist da dieses Foto von dem jungen Mann auf dem Takzim-Platz in Istanbul, das Video, die Berichte. Millionenfach geht es um die Welt. Dieses Foto von diesem schweigenden jungen Mann im weißen Hemd, die Hände in den Taschen, den Blick auf ein Bild von Atatürk und die türkische Staatsflagge gerichtet. “Diesen jungen Mann würde ich gern kennenlernen” hatte ich gestern gepostet. “Er versteht etwas von der Kraft der Stille”. Viele von uns hat damals die Überzeugung getragen, dass gesellschaftliche Veränderung von innen kommen muss. Uns hat die Überzeugung getragen, dass die Veränderung gewaltfrei sein muss, wenn sie gelingen soll. Wir hatten auch sehr großes Glück, 1989, als es sehr schwierig wurde. Als die Polizei vor der Stadtkirche in Jena stand, mit Mannschaftswagen waren sie gekommen, bewaffnet, mit Hunden. Und sie notierten alle, die im Gottesdienst waren, in dem wir nach Wegen des Friedens suchten. Später hat man sie in Turnhallen interniert. Aber da hatten die Mächtigen schon verloren, obwohl sie noch die “Macht” hatten. Es gab den “weißen Kreis” in Jena. Menschen, die gewaltfrei ihren Protest zeigten. Samstags. Ich hatte mit etlichen von diesen Menschen nächtelang gesessen und geredet, wie wir Gewaltfreiheit erreichen könnten. Weil Demonstrationen gefährlich waren und Inhaftierung drohte, studierten wir das Strafgesetzbuch und dann erfanden wir die “Wanderungen”. Wandern war nicht verboten. Also trafen sich die, die für Veränderungen eintraten, um zu “wandern”. Etliche hatten weiße Fähnchen am Auto oder Kinderwagen angebracht, kleine, schmale Stoffstreifen. Das war das Erkennungszeichen. Unter anderem für die, die “raus” wollten aus der Diktatur. Friedlicher Protest. Stiller Protest. Die Kraft der Stille ist unglaublich groß. Wenn man sie geübt hat und übt. Gandhi wusste sehr viel davon, Martin Luther King ebenso, andere auch. Oft waren sie verhaftet, saßen im Gefängnis, wurden wieder frei gelassen. Am Ende haben sie sich durchgesetzt. Wir waren in den achtziger Jahren in unserer kleinen Gruppe junger Menschen der festen Überzeugung: Eine Regierung, die gewaltsam gegen friedlichen Protest vorgeht, hat bereits verloren. Wir hatten es bei Gandhi gelernt. Diese Überzeugung hat uns getragen, trotz so mancher Probleme. Ich würde diesen jungen Mann vom Takzim-Platz gern kennenlernen. Er versteht etwas von der Kraft der Stille. Ich wünsche ihm und seinen Landsleuten, dass der unbedingte Wille zur Gewaltfreiheit sie trägt, denn diejenigen, die Gewalt gegen Gewaltlose einsetzen, haben längst verloren.
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