#duranadam – oder etwas von der Kraft der Stille


Selten hat mich ein Foto so elektrisiert wie das von jenem jungen Mann, der gestern auf dem Takzim-Platz in Istanbul stand. Schweigend. 7 Stunden lang. Heute morgen sah ich mir ein kurzes Video an, ein winziger Clip von drei Minuten, der auch andere Menschen zeigte, die sich zu diesem jungen Mann gestellt hatten. Auf Journalistenfragen geht er nicht ein. Er steht. Und schweigt. Millionenfach ging sein Foto in dieser Nacht um die Welt. Der Hashtag #duranadam wurde zur Nummer 1 in der Türkei in einer Nacht. Heute früh kam die Nachricht, der junge Mann sei verhaftet worden, mittlerweile aber wieder frei. Mich erinnert die Geschichte an Gandhi. Wir haben ihn gelesen 1983, später wieder, 1988, 1989. “Wir” – das waren Jugendliche, für die ich als Jugendpfarrer Verantwortung trug. Die unzufrieden waren mit ihrem Leben in der Diktatur. Die nach Wegen suchten, sich zu artikulieren. Ich wollte verhindern, dass sie Unüberlegtheiten tun, wollte sie möglichst schützen vor Gefängnis und Repression. Weshalb wir uns gründlich vorbereiteten. Und Gewaltfreiheit trainierten. Durch Rollenspiel, durch Lektüre, durch nächtelange Gespräche. Ich hatte mit diesen engagierten Jugendlichen, die meisten von ihnen waren Abiturienten, eine Reihe ins Leben gerufen, die hatten wir genannt: “Die groß waren durch ihren Geist – pazifistische Traditionen des 19. und 20. Jahrhunderts”. Wir lasen Tolstoi, Gandhi, King, Stefan Zweig, Romain Rolland, Suttner. Wir sprachen über Religion und Politik. Und wir übten uns ein im Streit, gewaltfrei zu bleiben, auch auf die schärfste Provokation gewaltfrei zu reagieren. Das Rollenspiel hat dabei geholfen. Und die Übung der Stille. “Es ist möglich, dass Blut fließen wird” hatte Gandhi seinen Mitstreitern zu Beginn des Großen Salzmarsches gesagt. “Ab er es darf nicht das Blut unserer Gegner sein”. Gewaltfreiheit. Was für ein hohes Gut! Und wie schwer, durchzuhalten. Und nun ist da dieses Foto von dem jungen Mann auf dem Takzim-Platz in Istanbul, das Video, die Berichte. Millionenfach geht es um die Welt. Dieses Foto von diesem schweigenden jungen Mann im weißen Hemd, die Hände in den Taschen, den Blick auf ein Bild von Atatürk und die türkische Staatsflagge gerichtet. “Diesen jungen Mann würde ich gern kennenlernen” hatte ich gestern gepostet. “Er versteht etwas von der Kraft der Stille”. Viele von uns hat damals die Überzeugung getragen, dass gesellschaftliche Veränderung von innen kommen muss. Uns hat die Überzeugung getragen, dass die Veränderung gewaltfrei sein muss, wenn sie gelingen soll. Wir hatten auch sehr großes Glück, 1989, als es sehr schwierig wurde. Als die Polizei vor der Stadtkirche in Jena stand, mit Mannschaftswagen waren sie gekommen, bewaffnet, mit Hunden. Und sie notierten alle, die im Gottesdienst waren, in dem wir nach Wegen des Friedens suchten. Später hat man sie in Turnhallen interniert. Aber da hatten die Mächtigen schon verloren, obwohl sie noch die “Macht” hatten. Es gab den “weißen Kreis” in Jena. Menschen, die gewaltfrei ihren Protest zeigten. Samstags. Ich hatte mit etlichen von diesen Menschen nächtelang gesessen und geredet, wie wir Gewaltfreiheit erreichen könnten. Weil Demonstrationen gefährlich waren und Inhaftierung drohte, studierten wir das Strafgesetzbuch und dann erfanden wir die “Wanderungen”. Wandern war nicht verboten. Also trafen sich die, die für Veränderungen eintraten, um zu “wandern”. Etliche hatten weiße Fähnchen am Auto oder Kinderwagen angebracht, kleine, schmale Stoffstreifen. Das war das Erkennungszeichen. Unter anderem für die, die “raus” wollten aus der Diktatur. Friedlicher Protest. Stiller Protest. Die Kraft der Stille ist unglaublich groß. Wenn man sie geübt hat und übt. Gandhi wusste sehr viel davon, Martin Luther King ebenso, andere auch. Oft waren sie verhaftet, saßen im Gefängnis, wurden wieder frei gelassen. Am Ende haben sie sich durchgesetzt. Wir waren in den achtziger Jahren in unserer kleinen Gruppe junger Menschen der festen Überzeugung: Eine Regierung, die gewaltsam gegen friedlichen Protest vorgeht, hat bereits verloren. Wir hatten es bei Gandhi gelernt. Diese Überzeugung hat uns getragen, trotz so mancher Probleme. Ich würde diesen jungen Mann vom Takzim-Platz gern kennenlernen. Er versteht etwas von der Kraft der Stille. Ich wünsche ihm und seinen Landsleuten, dass der unbedingte Wille zur Gewaltfreiheit sie trägt, denn diejenigen, die Gewalt gegen Gewaltlose einsetzen, haben längst verloren.

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Ein neuer Abschnitt hat begonnen


??????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????Zum ersten Mal waren wir dabei. Beim “Tag des offenen Gartens Uckermark”. Mehr als vierzig Gärten in der Uckermark beteiligen sich daran, ein sehr schönes Netzwerk ist da entstanden. Menschen besuchen sich gegenseitig, zeigen sich und ihre Gärten. Kontakte entstehen. Gespräche und Begegnungen sind der Kern dieses Netzwerkes. Eine sehr gute Sache ist das.
Wir konnten das nun selbst erleben. Gestern und heute waren etwa 150 Menschen im Internet-Garten in Uckerland, sie kamen aus den Städten, sie kamen aus den Dörfern. Sie kamen mit Fahrrädern, mit Autos, zu Fuss. Junge Menschen, ältere Menschen. Nachbarn, viele Fremde, die zum ersten Mal hier waren.
Wir hatten Kaffee und Kuchen vorbereitet. Frauen aus dem Dorf hatten gebacken, hatten Tische und Stühle vorbereitet, hatten den Empfangsbereich für unsere Gäste geschmückt. Ich hatte gestern und heute davon berichtet.
Und immer wieder wollten sie wissen, wie das gegangen ist mit diesem Internet und diesem Rosen-Garten, der im Internet anfing vor etwas über einem Jahr und der nun schon so ansehnlich herangewachsen ist und die Besucher von nah und fern anzieht wie ein Magnet. Ich zeigte die Rosen-Stiftungen aus Stuttgart, aus Dresden, aus Münster, Kiel und Prenzlau, aus Neubrandenburg und Finnland, aus Essen, Hannover und Erfurt.
Ein kleines Schild vor jeder Pflanze erzählt, woher die Stiftung kam.
Das ist wichtig. Denn so können die Besucher des Gartens sehen, wie groß das Netzwerk mittlerweile geworden ist, das den kleinen Ort Hetzdorf (nordwestliche Uckermark) mit Europa verbindet. Etwa 26.000 Menschen verfolgen im Internet die Geschichte dieses wundersamen Gärtleins. Da sind Leser in Kanada, in USA, in Mexiko, in Frankreich, Spanien und Portugal, in Österreich, der Schweiz und Deutschland, in Polen, Russland und Georgien.
Eine Partnerschaft nach Afghanistan ist entstanden.
Und das Netzwerk wächst und wächst. Das Internet macht’s möglich.
Sehr viel öffentliches Interesse haben wir erfahren: viele Zeitungen waren da, Fernsehen und Radio auch. Der Garten im 100-Seelen-Dorf Hetzdorf in Uckerland wird Bestandteil einer Dokumentation über kirchliche Arbeit auf dem Lande sein. Uns hat ein Fernseh-Team gestern und heute begleitet, das eine DVD für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) produziert.
Alles innerhalb eines Jahres.
Es ist eine wundersame Geschichte.
Über eins freuen wir uns besonders: dass wir das alles mit der Hilfe sehr vieler Menschen ehrenamtlich hingekriegt haben. Kein Euro “Fördermittel”. Alles Spenden, Stiftungen und sehr viel ehrenamtliche Arbeitszeit.
Wir wollen, dass der Garten “das sichtbare Zeichen der Verbundenheit vieler Menschen” wird. Und er wird es. Nicht nur in der Region, sondern weit darüber hinaus.
Menschen, die eine Rose gestiftet haben, kommen nun zu Besuch. Sie kommen aus Baden-Württemberg, aus Rheinland-Pfalz, aus Schleswig-Holstein und Sachsen, sie kommen aus Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen.
Es ist sehr schön, zu erleben, wie sich da entwickelt und wächst, was da wachsen will.

Wir haben nach diesem ersten “Tag des offenen Gartens” vor allem zu danken.
All denen, die mit tun an diesem Gärtchen. Durch Pflanzen, durch postings, durch “Teilen” von blog-Beiträgen und postings, durch weiter erzählen, durch Zustiftungen.
Vor allem den Ehrenamtlichen ist zu danken, die diesen Garten zu “ihrem” Garten gemacht haben. Zu einem neuen Anziehungspunkt in einer wunderschönen Region Deutschlands, die es nicht einfach hat. Denn sie ist dünn besiedelt und hat schwer mit dem demografischen Wandel zu kämpfen.
Was wir zu zeigen versuchen: es lohnt sich, sich hier zu engagieren.
Es sind liebenswerte Menschen, die hier leben und die anpacken, wenn es darum geht, eine Region nach vorn zu bringen. Schritt für Schritt, Pflanze um Pflanze, Spatenstich um Spatenstich, posting um posting.
Die Uckermark hat den ersten Preis im Bundeswettbewerb “Nachhaltige Tourismusregion” gewonnen.
Wir hoffen, dass wir dazu einen kleinen Beitrag leisten können.
Dank der Hilfe vieler Menschen im In- und Ausland.

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Etwas vom Reh und von der Freiwilligen Feuerwehr. Und was von Rosen


Der Garten bringt Überraschungen. Wir sprachen davon.
Zum Beispiel zieht er auch Wild an.
Rehe mögen Rosen.
Das ist zwar interessant, aber nicht immer schön. Jedenfalls nicht, wenn man einen Rosengarten angelegt hat und sich auf die Blüte freut und auf Besucher, die die Blüten sehen wollen.
Weshalb wir heute in einem Tagewerk zu fünft einen Wildzaun um den Rosengarten gesetzt haben.
Gestern hatten unsere Kirchenälteste Frau Lehmann und Herr Stefan Mehls von der Freiwilligen Feuerwehr in Milow (Uckerland) Material gekauft: zwei Rollen Wildzaun, 40 Pfähle.
Und heute früh um acht Uhr kamen sie mit zwei weiteren Helfern samt einer neuen Gartenbank im Hänger angerauscht, um den Zaun zu setzen.
Ich konnte den Terminkalender freischaufeln und mit Hand anlegen.

Stefan Mehls und Marlies Lehmann beim Kaffee nach getaner Arbeit

Stefan Mehls und Marlies Lehmann aus Milow (Uckerland) beim Kaffee nach getaner Arbeit

Am Ende dieses Werktages saßen wir zu dritt beim Kaffee und freuten uns am getanen Werk. Und wir sprachen miteinander. Über die Arbeit der Feuerwehr, ihre Einsätze. Über die Ehrenamtlichen, die sich dort engagieren. Über das, was sie da nicht selten Schweres erleben müssen. Und wie sie damit umgehen können.
Es redet sich leichter miteinander, wenn man miteinander gearbeitet hat.

Deshalb kann ich sagen: es war gut, dass wir Rehspuren im Garten gefunden hatten….

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Etwas von Mücken


Bernstein 30.5.20124.50 Uhr. Ich bin aufgewacht mit Bildern von großen blühenden Rosenbüschen. Ich hatte sie gestern bei der Recherche unserer gepflanzten Schönheiten im Internet gesehen. Diese prachtvollen Schönheiten, die, wenn sie gut anwachsen und gedeihen, nun nach und nach in unserem Garten ihre Schönheit entfalten werden.
Als Kontrast dazu begegnet mir dann, als ich den Rechner anmache, um zu schauen, „was los ist“, ein Vers aus Deuterojesaja  (im Exil geschrieben etwa 300 Jahre vor Christus):
Der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich“.
Jesaja 51,6
Ein Vers, der, obwohl ins Deutsche übersetzt, dennoch die starke, bildhafte, knorrige Sprache des Alten Testaments in großartiger Weise widerspiegelt.
Ich merke immer mehr, je älter ich werde und je länger ich mich mit den alten Texten beschäftige und ihnen nach-denke: das Alte Testament „liegt“ mir eigentlich mehr als das Neue. Es ist handfester, realistischer. Es spricht von Gott selbst auf wunderbare, bildhafte Weise. Und es spricht auf eine sehr realistische Weise vom Menschen.
Und nur auf diesem Hintergrund kann ich eine Ahnung davon haben, was der Glauben Jesu an diesen Gott für sein Leben eigentlich bedeutet haben mag.
„An Jesus glauben, heißt, wie Jesus glauben.“
So war der Kernsatz im exegetischen Seminar während des Studiums in Leipzig, der sich mir eingebrannt und oft beschäftigt hat. So könne man doch nicht denken, dachte ich anfangs, aber meine Sichtweise hat sich geändert. Dieser Satz überzeugt mich immer mehr. Woraus sich auch der Bezug Jesu zum Alten Testament ergibt. Der Satz ist mir ein Schlüssel zum Verständnis Jesu geworden. Zu diesen Sohn eines Zimmermanns, von dem das Neue Testament erzählt und der am See Genezareth im heutigen Israel gelebt hat.
Und er ist eine Anfrage geworden nach meinem eigenen Glauben, nach meinem eigenen Vertrauen. Er ist zur Gretchen-Frage geworden.

Der Realismus des Alten Testamentes ist mir immer wieder überraschend. Ganz selbstverständlich weiß das AT von der Vergänglichkeit der Dinge, der Menschen, der „Welt“. Aber gerade angesichts der Vergänglichkeit spricht es von der „Ewigkeit“ Gottes, der alles „in Händen hält“, birgt, umhüllt, durchdringt, trägt. Spricht in bildhafter Sprache von der „Wirklichkeit hinter der scheinbaren Wirklichkeit“, von der so viel größeren, umfassenderen Wirklichkeit, von der eigentlichen Realität, die nicht unserer alltäglichen Realität entspricht. Diese bildhafte, erzählende Sprache fesselt mich immer wieder aufs Neue. “Die angemessene Art, vom Geheimnis Gottes zu sprechen, ist die Erzählung.” (Prof. Klaus-Peter Hertzsch). Die größten Meister der Literatur, aber auch die aus Malerei und Musik, haben sich an den Erzählungen und Bildern des Alten Testaments geschult. Nicht ohne Grund. Denn sie gehören zum Besten, das die Menschheitsgeschichte hervorgebracht hat.
„Allahu akbar“ – Gott ist größer als alles Menschengemachte. So übersetzt eine der besten Kennerinnen des Islam, Professor Annemarie Schimmel, das muslimische Glaubensbekenntnis.
Das ist die gleiche Sichtweise, die auch das Alte Testament kennt.
„Gott“ als die alles Vergängliche umschließende Wirklichkeit, die alles durchdringt, schafft, werden und vergehen lässt. Weshalb das AT auch die Vorstellung entwickelt hat, dass „Gott“ „in der Geschichte wirkt“, in ihr sichtbar wird. Denn, wenn er „alles durchdringt“, dann natürlich auch die „Geschichte“, dann auch das Vergängliche, dann auch den Menschen mit all seinen Vorhaben, Projekten, Ansichten. Unabhängig davon, ob der Mensch immer versteht, was sich in seinem Leben abspielt.
Es ist eine erstaunliche Sichtweise der Welt. Eine ungewöhnliche. Eine, die nicht vorkommt in gegenwärtiger Politik, die nicht vorkommt in den Zeitungen, die nicht vorkommt in den Wahlprogrammen und Kampagnen. Eine, mit der wir nicht “rechnen”.
Das Menschenbild des Alten Testaments ist ein wohltuend realistisches. Eines, das so erfrischend anders ist als das, das mir alltäglich entgegen schlägt, wenn ich die Zeitungen lese, in denen vom “tollen” (wie klug doch die Sprache ist!), “supertollen”, “erfolgreichen” “Supermodel” Mensch die Rede ist.
Wenn ich Menschen zu beerdigen habe, steht mir dieser Realismus immer sehr vor Augen, wird mir sehr anschaulich und klar, was da gesagt ist.
„Die darauf wohnen, werden wie Mücken sterben“. “Der Mensch ist in seinem Leben wie Gras, wie eine Blume auf dem Felde.”
So ist das.
„Aber mein Heil bleibt ewig.“
„Heil“ steht da.
Nach alttestamentlicher Vorstellung ist damit nicht nur körperliches und seelisches Wohlergehen gemeint, sondern die sehr viel umfassendere Vorstellung vom ursprünglichen Ganz-Sein, davon, wie alles eigentlich gemeint ist. Heil. Unverletzt. Lebendig. Natürlich.
Es ist die Botschaft vom „guten Gott“. Von dem, der es, unabhängig, wie ich meine eigenen Lebenserfahrungen interpretiere (und diese Interpretation ist ja von vielerlei Bedingungen abhängig: von der Prägung durchs Elternhaus, von Veranlagungen etc.), mit mir und mit allem anderen Geschaffenen „gut“ meint. Der will, das Körper und Seele heil sind.

Wir kennen diese Wirklichkeit, die die alten Texte „Gott“ nennen, niemals ganz. So sagen es die großen Lehrer der Meditation und der Textauslegung.
Wir kennen sie nur „stückweise“, wie der Zeltmacher Paulus geschrieben hat. Wir kennen sie nur aus einzelnen, bruchstückhaften Begegnungen. Die aber sind ein eindrücklicher Hinweis darauf, dass der Sonnenstrahl eben nicht nur ein Sonnenstrahl ist, sondern ein Hinweis auf die Sonne selbst.

Weshalb ich den Angehörigen am Grabe sage: Wenn ein Mensch gestorben ist („wie eine Mücke“), dann dürfen wir darauf vertrauen, daß dieser Mensch – und auch wir selbst eines Tages – nicht nur einen „Zipfel vom Kleide Gottes“ sehen können, sondern seine ganze, umfassende, alles Geschaffene durchdringende Wirklichkeit, sein Heil, die Fülle selbst.
Weshalb der Tod eines Menschen eigentlich keine traurige, sondern eher eine fröhliche Veranstaltung ist. (Johannes vom Kreuz hat seine Mitmönche deshalb gebeten, ihm als Sterbeliturgie das “Hohe Lied der Liebe” zu lesen, in dem es heißt: “Horch! Mein Geliebter! Er kommt!….Verrauscht ist der Regen, vergangen der Winter. Die Zeit zum Singen ist da.”)
Ein gestorbener Mensch darf nun – endlich vielleicht, nach langer, schwerer Krankheit zum Beispiel – „das Heil schauen“, darf die Wirklichkeit, die man „Gott“ genannt hat, ganz sehen, wahrnehmen, darin sein.

„Aber mein Heil bleibt ewig.“
Alles Geschaffene, die Könige, Präsidenten mitsamt ihren Reichen, Politiken, Projekten, Vorhaben – alles Geschaffene wird „sterben wie die Mücken“. Was für ein Menschenbild! Was für ein Widerspruch zu dem, was mit tagtäglich begegnet!
Aber die Wirklichkeit, aus der alles kommt, die alles durchdringt und die alles wieder eingeht, die bleibt.
Ein schöner Gedanke von der Geborgenheit.
In einen solchen Gedanken kann ich mich bergen wie in einen Mantel.
Mit diesem Gedanken angefüllt kann ich an unserem Mandala weiter pflanzen, das wir da anlegen im Rosen-Garten.
Der Garten selbst ist ja ein wunderbares Beispiel der Vergänglichkeit. Die Rose, oft besungen und bedichtet, ist das Zeichen der Vergänglichkeit schlechthin.
Die Menschen nehmen Rosen mit auf die Friedhöfe. Zeichen der Vergänglichkeit, gleichzeitig Zeichen wundervoller Schönheit.
Weil ich mich „in Gott bergen“ kann, deshalb kann ich seine Wirklichkeit, die alles durchdringt, auch im Rosen-Garten sehen. Und ihn hegen und pflegen, so, wie im Schöpfungsbericht von jenem Menschen erzählt wird, den „Gott“ „in den Garten setzte, um ihn zu pflegen und zu bewahren“.

Auf diese Weise verbinden sich heute Morgen beide Gedanken oder Bilder: die Bilder von den Rosen-Schönheiten, mit denen ich aufgewacht bin und die starken Bilder von der Vergänglichkeit alles Geschaffenen.
“Der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich”.
Dieser Mann, den man den “zweiten Jesaja” genannt hat, war ein guter Schüler seines Meisters. Es lohnt, ihm nach zu denken.

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Etwas von USA, Uckerland, Besuchen und Rosen


Jan Uhlig Nashville, TennesseeNun war da also Besuch aus den USA im Garten. Jan Uhlig kommt aus Nashville/Tennessee und wird uns demnächst “seine Rose” schicken, weil ihn das Projekt überzeugt hat. Wir hatten ja schon Gäste aus Mexiko, aus Brüssel, aus Georgien, aus der Schweiz und natürlich aus Deutschland.
Das Netzwerk um den Garten wächst, so, wie die Weißbuchenhecke, die wir im vergangenen Jahr gepflanzt haben, damit die empfindlichen Rosen Windschutz im Winter haben.
Landrat Dietmar Schulze (Prenzlau)Wir haben uns auch sehr über den Besuch von Landrat Dietmar Schulze (Prenzlau) gefreut, der gemeinsam mit dem Chef der Uckermark-Touristik, Stefan Zierke, in der vergangenen Woche im Garten war. Beide waren sehr angetan vom großen Netzwerk von Verbindungen zu Menschen in aller Welt, die via Internet und Rosen-Garten mit Uckerland und dadurch mit der ganzen Uckermark verknüpft sind. Wir als Kirchgemeinde verstehen unser Projekt ja auch als eine Konkretion des Satzes “Suchet der Stadt Bestes” (Jeremia 29,7).Auf unserer facebook-Seite hatte ich ausführlich davon berichtet. Beide Herren haben uns auch je eine Rose mitgebracht, die nun im Garten wächst und demnächst blühen wird.
BrunnenEin besonderes Vorhaben beschäftigt uns seit einigen Tagen: wir wollen im “Platz der Stille”, der sozusagen das eigentliche Zentrum des Meditationsgartens ist, einen Brunnen anbringen. Er soll als Elemente ein “Rohr” und eine “Schale” haben.
Vielleicht wird er einmal so ähnlich aussehen. Er soll – in Anlehnung an einen berühmten Text von Bernhard von Clairvaux – darauf hinweisen, dass der Mensch darauf achten soll, dass er nur von dem weitergibt, wovon er selbst erfüllt ist. Der Meditationsplatz ist ein Platz zum “Auftanken”, zur inneren Stärkung. Er ist wichtig in einer Zeit, in der die Menschen nicht selten “über ihre Verhältnisse” leben. Sie können hier lernen, gut zu sich selbst zu sein. Damit sie dann anderen weitergeben können, was sie empfangen haben.

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Pfingsten – das Fest des Begeisterung


Wildbirne bei Werbelow (Uckermark) 15.5.13 022Wovon sind Sie begeistert? Vom Sport? Von der Natur? Von einem schönen Urlaub? Von der Musik?
Überlegen Sie mal einen Moment: was begeistert mich?
Was gibt mir Motivation, was gibt mir Lebensfreude, was macht mir Spaß oder erfüllt mein Leben?
Was begeistert mich so, dass ich gar nicht anders kann, als genau dieser Spur zu folgen?
Es gibt etliche Menschen, die begeistert gar nichts mehr. Die erwarten auch nichts mehr. Die hat der Alltag im Griff oder die Sorgen.
Solche Menschen brauchen Pfingsten.
Denn Pfingsten ist das Fest der Begeisterung. Die Feier derer, die sich noch begeistern können. Die Frage ist nur, wovon eigentlich.
Sind es Dinge, die dem Leben dienen, die andere stützen, ihnen hilfreich sind?
Oder bestimmen mich doch eher Dinge, die mich am Leben hindern? Ängste? Sorgen? Der Blick auf Probleme und Schwierigkeiten?
Das Pfingstfest beginnt in der Bibel mit einer Erzählung von ängstlichen Menschen, die sich nichts mehr zutrauen.
Und die Erzählung endet damit, dass eben diese Menschen, die gerade noch ängstlich in ihrem Stübchen gesessen haben, losgehen und anderen die „gute Nachricht“ bringen, weil sie von ihr begeistert sind: vertrau dich dem Leben an! Es trägt dich, wie dich die alte Erde trägt Tag für Tag.
Lass dich führen auf deinem Lebensweg.
Jesus sagt von Gott: er ist der WEG, die WAHRHEIT und das LEBEN.
Wer sich dem ganz anvertraut, wer sich vom Leben selbst führen lässt, religiös gesprochen, wer sich Gott anvertraut, der kann getrost und gelassen seinen Weg gehen. Begeistert vom guten Geist, der uns Gewissheit gibt und Geborgenheit. Denn der, der die ganze Welt in seinen Händen hält, hält auch dein Leben.
Ich wünsche Ihnen begeisternde Erfahrungen und gesegnete Pfingsten!

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“Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn”. Ein Buch über zwei Brüder: Niklas und Norman Frank.


„Oft habe ich selbst mich als Aufkratzer seiner Wunden gefühlt“ sagt Niklas Frank und meint sich und seinen älteren Bruder Norman Frank, beide Söhne des „Generalgouverneurs von Polen“ Hans Frank, hingerichtet als Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg.
Er lässt den älteren Bruder sezieren. Der hatte sich dem Anatomischen Institut selbst dafür angeboten.
Und er seziert ihn tatsächlich in diesem Buch.
Faser für Faser, Muskel um Muskel, Organ um Organ,, Gefühl um Gefühl, Erinnerung um Erinnerung.
Der Bruder seziert den Bruder, wie er schon den Vater und seine „deutsche Mutter“ in den beiden voraus gegangenen Büchern seziert hatte – auf der Suche nach Wahrheit.

Niklas Frank ist unerbittlich.
Zu sich selbst und zu seinen Lesern und Zuhörern.
Ich hatte ihn eingeladen, zu lesen. Selbst auf der Suche nach Wahrheit über eine Zeit, in der meine Eltern aufgewachsen waren.
„Es ist jedesmal fürchterlich“ hatte er mir nach der Lesung gesagt, die die erste einer ganzen Reihe von Lesungen war. Ich hatte ihm geholfen, Zugang zu Schulen zu bekommen, damit er lesen kann.
„Aber es ist mein Leben. Das ist meine Aufgabe: all das Schreckliche wieder und wieder zu erinnern, es wiederzukäuen, es erneut auszukotzen.“
Er leidet wie ein Hund, wenn er liest.
Aber er rüttelt auf.
Manche fangen danach an, zu reden.
Wenige.
„Macht endlich das Maul auf“ sagte er nach der Lesung in Aschersleben zu den anwesenden älteren Frauen. „Macht endlich das Maul auf und brecht euer Schweigen. Viel Zeit habt ihr nicht mehr.“
Nun hat er mir sein neues Buch geschickt: “Dem wunderbaren Freund” hat er hinein geschrieben.
Ich bin dankbar für diese besondere Freundschaft und ich bin dankbar für diese Buch.

Es ist ein anrührendes Buch über seinen Bruder Norman, den Meister im Verdrängen.
Ein Buch über zwei Brüder aus einer „furchtbar netten Familie“.
„Was für eine glückliche Familie: Weil der Vater ein verbrecherisches Leben führte, wird sein ältester Sohn zum Alkoholiker, der zweite Sohn säuft sich verzweifelt mit bis zu dreizehn Litern Milch pro Tag in den frühen Tod, die älteste Tochter greift in ihrer Jugend zu Tabletten und danach Jahrzehnte lang zu Valium, die zweite Tochter schafft ihren Lebensabtritt mit Rattengift und ich krakeele hilflos nach draußen. Bomi, der Preis für ein paar Jahre mit Personal war brutal hoch.“ (S. 97)

Unbedingt empfehlenswert:
Niklas Frank: „Bruder Norman! „Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn.“ Dietz-Verlag 2013.

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